Kirchenlieder

Wach auf, mein Herz, und singe

Glaubensstark tröstet der lutherische Pfarrer und Barockdichter Paul Gerhardt nach der Apokalypse des Dreißigjährigen Krieges.
  • Ein Porträt des Barockdichters in der Paul-Gerhardt-Gedächtniskapelle in Gräfenhainichen, im Jahre 2000 gemalt von Wassili Jeremejew. Foto: Birgitta Kowsky/epd
  • Tulpen im Frühling. Foto: Kisialiou Yury/shutterstock Foto: Kisialiou Yury/shutterstock
Leichenberge auf den Straßen, die Stadt in Flammen, die Elbe führt blutiges Wasser. Nach langer Belagerung hatte das Heer der katholischen Liga unter General Tilly am 20. Mai 1631 das protestantische Magdeburg gestürmt. Mehr als 20 000 Frauen, Männer und Kinder starben, der Feldherr hatte seinen Truppen eine dreitägige Plünderung versprochen. „Es ist gewiss seit der Zerstörung Jerusalems kein gräulicher Werk und Strafe Gottes gesehen worden“, bilanzierte der kaiserliche General Pappenheim. „Magdeburgisieren“ war fortan ein anderes Wort für mörderisches Brandschatzen. Der Fall Magdeburgs wurde den Menschen zum Menetekel, ein Warnzeichen dafür, was in diesem später so genannten Dreißigjährigen Krieg an Exzessen und Leid noch alles drohen sollte. In dieser Zeit der Apokalypse hat der Pfarrer und Barockdichter Paul Gerhardt gelebt.

In der aktuellen Corona-Krise wird die Menschheitsgeschichte umgepflügt nach Vergleichen. Das sollten aber später die Historiker tun. Was jedoch bei Gerhardt immer zu finden ist: Trost spendende, glaubensstarke Verse eines Kirchenlied-Schöpfers.

Der 1607 in Gräfenhainichen geborene Gerhardt wird als Student in Wittenberg entsetzt gewesen sein, als er erfuhr, was nicht weit entfernt in Magdeburg geschehen war – von Augenzeugen informiert, von illustrierten Flugblättern, die das Inferno ausmalten. Der furchtbare Krieg, zu dessen Schrecken auch der „schwarze Tod“, die Pest, gehörte, die ganze Dörfer ausrottete, hat Gerhardt geprägt. Von Trübsal und Pein ist in seinen Kirchenliedern oft die Rede. Und er schrieb flehend: „Ach, lass dich doch erwecken,/ Wach auf, wach auf, du harte Welt!“

Der Tod war ihm lebenslang allgegenwärtig. „O Tod, o Tod, du greulichs Bild“: Gerhardt wusste, dass ein jeder nur „Gast auf dieser Erden“ sein kann. Der Passionszeit hat er besonders viele seiner Lieder gewidmet. „O Haupt voll Blut und Wunden“ ist das bekannteste – gedichtet nach einer mittelalterlichen Vorlage des Arnulf von Leuven, gesungen auf eine Melodie Leo Hasslers.

Der Mensch und das Kreuz. Ein Leben in Krisensituationen und doch im Glauben gelenkt: „Befiehl du deine Wege“ heißt ein anderes berühmtes Lied. Gerhardt wuchs in einer wohlhabenden Familie auf, doch die Eltern starben früh. 48 Jahre alt ist er schon und Pfarrer, als er im brandenburgischen Mittenwalde selbst eine Familie gründet. Aber vier von fünf Kindern sterben. „Nun ruhen alle Wälder“ heißt ein Lied des trauernden Vaters: „Breit aus die Flügel beide/ O Jesu, meine Freude,/ Und nimmt dein Küchlein ein!/ Will Satan mich verschlingen,/ So lass die Englein singen:/ Dies Kind soll unverletzet sein.“

Wahren Glauben forderte Gerhardt ein, das schlichte Wort. Und er wollte nicht das Leid nur hinnehmen, sondern das Volk aufrütteln. Die Überlebenden waren im Elend abgestumpft, immun geworden gegen jeden Lebenssinn. Jetzt half er diesen Menschen mit einer „unverschämten Glaubenszuversicht“, wie die Theologin Petra Bahr das formulierte.

„Hoff, o du arme Seele/ Hoff und sei unverzagt!/ Gott wird dich aus der Höhle,/ Da dich der Kummer plagt,/ Mit großen Gnaden rücken.“ Es ist eine Seelsorge ohne Verfallsdatum. Matthias Claudius verglich die Lieder mit Flügeln, „darauf man sich in die Höhe heben und eine Zeitlang über dem Jammertal schweben kann“. Dietrich Bonhoeffer betete Gerhardts Lieder im Konzentrationslager.

Paul Gerhardt hat zwar beruhigt mit Gedichten wie „Gib dich zufrieden und sei stille“. Aber in vielen Liedern machte er den Menschen Mut – holte sie aus der Lethargie, der Glaubenslosigkeit. „Wach auf, mein Herz, und singe“. Oder auch: „Du meine Seele, singe“.

Und natürlich „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. Dieser Sommergesang ist das wohl bekannteste Lied Gerhardts. Der Dichter unternimmt einen Spaziergang, er beobachtet Lerche, Täublein und Schwälblein, die unverdrossene Bienenschar. Die reine Naturschönheit ist das – endlich, nach aller Zerstörung. Und im Lustgarten seines Kurfürsten hat er außergewöhnliche Gewächse entdeckt: „Die Bäume stehen voller Laub,/ Das Erdreich decket seinen Staub/ Mit einem grünen Kleide;/ Narcissus und die Tulipan/ Die ziehen sich viel schöner an/ Als Salomonis Seide.“

Das ist das Paradies auf Erden. In den 15 Strophen geht Gerhardt auch weiter: Wenn das in dieser Welt schon so herrlich ist, wie wunderbar muss es dann im Himmel aussehen? Aber schon das irdisch Sichtbare „erweckt mir alle Sinnen“. Und dann geht einem das Herz über: „Ich singe mit, wenn alles singt.“ So wird Melancholie vertrieben.
© Südwest Presse 04.04.2020 07:45
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