Interview

Schutz ist das Mindeste

  • Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus. Foto: Christian Ditsch/epd
Der gelernte Pfleger Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, über die harten Corona-Zeiten.

Herr Westerfellhaus, Sie bezeichnen Corona als historische Belastungsprobe für die Pflege. Wo ist die Herausforderung besonders groß?

Andreas Westerfellhaus: Es gibt nicht die eine, sondern eine große Vielfalt von Herausforderungen und die sind von der Klinik bis zur ambulanten Langzeitpflege sehr verschieden. Das reicht von der Betreuung schwerer, mitunter tödlicher Verläufe bis zum Pflegebedürftigen, der den Dienst aus Angst vor Ansteckung nicht ins Haus lassen will.

Besonders die gehäuften Todesfälle in Altenpflegeeinrichtungen wie in Wolfsburg sorgen für Betroffenheit.

Die Bewohnerinnen und Bewohner gehören zur besonders gefährdeten Personengruppe. Es sind nicht die 40-Jährigen, die sich frei bewegen und sich selbst versorgen können. Viele haben es mit mehreren grundlegenden Erkrankungen zu tun, die Atmung und das Herz-Kreislauf-System sind bereits eingeschränkt.

Was kann man tun?

Es ist eine Illusion zu glauben, dass ein Virus, das sich so rasant verbreitet, nicht auch den Weg in diese Häuser findet. 100-prozentigen Schutz gibt es nicht. Aber hier gilt das Gleiche wie überall: Durch strenge Befolgung der Richtlinien des Robert-Koch-Instituts (RKI) die Ausbreitung so weit wie möglich vermeiden.

Steigert das nicht die Gefahr, dass alte Menschen vereinsamen?

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Kontakt kann man, wenn auch eingeschränkt, über Telefon oder Video-Apps halten. Und es gibt durchaus Menschen in der Langzeitpflege, die von sich aus sagen: Bitte keine Nähe, sondern nur das Notwendigste. Und es gibt Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Demenz, die gar nicht verstehen, was gerade um sie herum passiert. Wenn beispielsweise plötzlich die Angehörigen wegbleiben, ist das zweifelsohne eine Belastungsprobe. Und dann muss vor Ort eine Lösung gefunden werden.

Beklagen sich Pflegende bei Ihnen, weil Schutzausrüstung fehlt?

Viele fragen: Wie kann es sein, dass die RKI-Richtlinien uns Schutz vorschreiben, wenn wir vor Ort nicht genug Schutzkleidung und Desinfektionsmittel haben? Das ist ein Riesenproblem. Das Bundesgesundheitsministerium versucht alles, damit so schnell wie möglich Ausrüstung vor Ort ankommt. Aber viele andere suchen auch nach Material.

Also reicht es nicht.

Wir tun alles, damit es am Ende reicht. Aber es ist eng. Sehr eng. Und wenn ich dann noch höre: „Wir werden in der ambulanten oder in der stationären Langzeitpflege benachteiligt“, muss ich sagen: Diese Benachteiligung darf es nicht geben. Wo sich Menschen mit vollem Einsatz und dem Wissen um die Gefahr um Gefährdete, Erkrankte, Sterbende kümmern, ist persönlicher Schutz das Mindeste. Dafür sind wir als Gesellschaft verantwortlich.

Was folgt aus dem Engpass?

Ein Appell an die Bevölkerung. Bei allem Verständnis, dass wir uns schützen wollen: Beim Gang zum Lebensmittelgeschäft bitte nur selbst gefertigte Schutzmasken tragen. Das reicht beim Gespräch an der Kasse. Die hochwertigen Schutzmasken werden aktuell von den professionellen Helfer dringend gebraucht.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen?

Als Zusammenrücken. Wir merken alle, in welcher existenziell bedrohlichen Lage wir uns befinden und dass wir pragmatisch sein müssen. Bei der Entbürokratisierung und Entlastung der Pflegenden waren wir schnell in der Lage, ohne Wenn und Aber zusammenzuarbeiten. Auch mit Institutionen, die sonst eher das Aber betonen. Ich habe große Hoffnung, dass wir von diesem Geist des Miteinanders viel erhalten können.

Muss der Bund Kompetenzen von den Ländern an sich ziehen?

Föderalismus ist in vielen Dingen gut. Aber in der Pflege wünsche ich mir schon mehr einheitliche Standards. Man kann mir nicht erklären, warum in Baden-Württemberg andere Personalschlüssel gelten als in Brandenburg. Die Menschen haben die gleichen Bedürfnisse, da darf Versorgung nicht von Ländergrenzen abhängig sein.

Wie wird die Pflege in Zukunft diese Zeit im Rückblick bilanzieren?

Ich hoffe, dass man sagen wird: Es war eine harte Zeit, aber wir haben gut zusammen gearbeitet und es bis zum Schluss geschafft, die Menschen auf einem guten Niveau zu versorgen. Und mit noch mehr Abstand auch: Wir haben viel daraus gelernt: Endlich sind die Verbesserungen in der Pflege, für die wir so viele Jahre gekämpft haben, umgesetzt worden. Jetzt sind wir gewappnet, mit kommenden Herausforderungen umzugehen. Und vielleicht wird man dazu setzen: Schade, dass es dafür erst eine solche Krise brauchte. Klaus Wieschemeyer
© Südwest Presse 04.04.2020 07:45
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