Kommentar Guido Bohsem zum Thema Infektionszahlen

Keine Sicherheit

  • Guido Bohsem Foto: Thomas Koehler/photothek.net
Jeden Tag gibt es neue Angaben darüber, wie viele Menschen sich in Deutschland mit Corona infiziert haben und wie viele an der Krankheit gestorben sind. Zuletzt erschreckte die Zahl, wonach auch die Zahl der erkrankten Ärzte und Pflegenden immer weiter steigt. Nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Politik starrt auf diese Zahlen, um anhand ihrer Entwicklung ablesen zu können, ob die Maßnahmen hierzulande erfolgreich sind und wie lange sie noch vorhalten müssen.

Das Problem ist, dass diese Zahlen nur eine Scheingenauigkeit widerspiegeln. In Wahrheit können auch die Experten nur erkennen, dass sich in einem fehlerhaften Beobachtungssystem etwas bewegt – und das mit tagelanger Verzögerung. Warum etwa verbreitet sich das Virus in Bayern so viel schneller als in Berlin, wo doch die Auflagen für die Öffentlichkeit etwa gleich scharf sind? Sind die Berliner disziplinierter oder testen die Bayern vielleicht intensiver, genauer? Keiner weiß es. Die Unterschiede müssen erst erforscht werden.

Noch nicht einmal in der Finanzkrise war der Begriff vom politischen „Blindflug“ so wahr wie in der Corona-Krise. Das ist ein Problem. Die realen und zuverlässigen Zahlen nämlich, die aus dem Kampf gegen Corona entstehen – Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Pleiten, Umsatzrückgänge, um nur ein paar zu nennen. Je länger die Krise besteht, desto stärker werden sie in Konkurrenz miteinander treten und der Druck steigen, den Blindflug abzubrechen. Wichtig ist es deshalb immer wieder zu kommunizieren, dass die Infektionszahlen nur einen Anhaltspunkt darstellen und keine sichere Handlungsbasis. Das versäumt die Bundesregierung und das könnte sich noch nachteilig auswirken.
© Südwest Presse 04.04.2020 07:45
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Kommentare

In my humble opinion

>Noch nicht einmal in der Finanzkrise war der Begriff vom politischen „Blindflug“ so wahr wie in der Corona-Krise.<

Sehr geehrter Herr Guido Bohsem, lassen Sie mich mal so spotten:

Zu Zeiten der 'Finanz'krise haben wir das, was Sie so treffend beschreiben, nur ein wenig verspürt, jetzt, zu Zeiten der Coronakrise trifft uns diese Erkenntnis mit voller Wucht. Es war nie weg, es war nie anders, nur meistens verborgen oder mit aus Steuermitteln bezahlten Lösungen zugeschmiert.

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