Leitartikel Ulrich Becker zur Zeit nach der Corona-Krise

Nicht neu – nur anders

  • Ulrich Becker Foto: Volkmar Könneke
Das Coronavirus lähmt das Land – so erscheint es vielen in diesen Tagen. Die Innenstädte sind nahezu menschenleer, wer zu Hause sitzt, befindet sich in einer Art Endlosschleife zwischen Homeoffice und der Versorgung mit dem Nötigsten. Wir sind auf uns selbst und die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse zurückgeworfen. Die entscheidenden beiden Fragen dieser Tage sind: Wie lange noch? Und was kommt dann?

Untergangsapologeten sprechen bereits vom Ende der Städte, unserer Wirtschaftsordnung, des Lebens in Freiheit. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio übt sich angesichts der Lage in seiner Stadt sogar in apokalyptischen Visionen: „Die Welt, die wir kannten, ist verloren.“

Der bekannte Zukunftsforscher Matthias Horx sieht in seinem Blick nach vorne eine ebenfalls vollkommen veränderte Welt – aber eine, die nach der Katharsis Corona geläutert in eine neue Dimension des sozialen Miteinanders emporsteigt. Nähe und persönliche Begegnung bekämen eine neue Bedeutung, selbst Fußballfans pöbelten nicht mehr, Humor und Mitmenschlichkeit dominierten stattdessen, der Börsen- und Wirtschaftseinbruch schmerze kaum, wichtiger seien „gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten“.

Nur zwei Beispiele, die zeigen, dass vor allem eines in dieser Krise blüht: der Unsinn. Wir sollten stattdessen einmal kurz innehalten und den gesunden Menschenverstand gebrauchen. Ist eine Atombombe eingeschlagen und hat all unsere Städte zerstört? Oder sind wir plötzlich alle beseelt von der Idee, anderen zu helfen?

Nichts von alledem. Wir gehen durch eine tiefe Krise, die uns allen – aber vor allem den zigtausenden Helfern in den Krankenhäusern – viel abverlangt, manches Mal fast über das Machbare hinaus.

Aber dennoch wird es eine Welt danach geben, die weiterhin den gleichen Regeln folgt, die wir kennen. Nach wie vor werden Städte florieren und Treffpunkte sein – weil diese Krise nicht 10 000 Jahre Menschheitsgeschichte außer Kraft setzt. Und aus demselben Grund werden wir egoistische, nur bis zu einer gewissen Grenze dem Allgemeinwohl verpflichtete Wesen bleiben. Weil die Krise nicht die menschliche Natur verändern wird.

Diese Corona-Zeit bremst den Alltag aus, aber sie bedeutet keine Zeitenwende. Sie ist vielmehr eine Art Durchlauferhitzer für Entwicklungen, die längst zuvor begonnen hatten. Die Digitalisierung erlebt einen weiteren Schub, genau wie der Online-Handel. Verstaubte Modelle wie das des Kaufhauses verschwinden mit einem Mal. Der überhitzte Reisemarkt ebbt ab, genauso wie irre Gehälter und Transfersummen im Fußball abschmelzen. Privatisierung gilt nicht mehr als Allheilmittel, und Krankenschwestern und Pfleger werden eine andere Wertschätzung erleben – nicht, weil wir bessere Menschen geworden wären, sondern weil wir wissen, dass wir ohne sie schneller sterben.

Die Krise lähmt uns nicht, sie katapultiert uns in eine veränderte Welt. Aber es wird immer noch dieselbe Welt sein.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 04.04.2020 07:45
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