Sehnsucht nach Zuspruch

Die bundesweite „Silbernetz“-Hotline für einsame Senioren verzeichnet eine Verfünffachung der Anrufe. Ältere brauchen mehr Schutz.
  • Elke Schilling hat das „Silbernetz“ gegründet, eine Hotline für einsame Senioren Foto: Britta Pedersen/dpa Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
Die Anruferin am „Silbernetz“-Telefon ist verzweifelt. Bis vor kurzem hat sie ihre Verwandte im Pflegeheim fast täglich besucht, hat mit ihr Spaziergänge gemacht, ihr die Füße massiert. Doch nun darf sie sie nicht mehr besuchen. Zum Abschied habe sie im Garten des Heims gestanden, um wenigstens zum Fenster hinauf zu winken, berichtet die Seniorin. Doch die Verwandte habe sie aufgrund der schlechten Augen gar nicht richtig sehen können. „Ich habe das Gefühl, sie geht zugrunde, wenn ich sie nicht mehr besuchen darf“, fürchtet die Anruferin.

Es sind diese Geschichten, die den Mitarbeiterinnen der „Silbernetz“-Telefonseesorge derzeit selbst an die Nieren gehen. Denn sie wissen: Schon vor der Corona-Epidemie gab es in Deutschland rund acht Millionen Menschen über 60, die unter Einsamkeit leiden. Denjenigen, die deshalb die Hotline für ältere Menschen wählten, gaben sie häufig den Rat, Nachbarschaftseinrichtungen zu besuchen, sich einem Verein anzuschließen, oder selbst ehrenamtlich aktiv zu werden. Ratschläge, die angesichts der Corona-Krise sinnlos geworden sind.

„Die Situation hat sich in den vergangenen drei Wochen komplett verändert“, sagt „Silbernetz“-Gründerin Elke Schilling. Ihre Berliner Hotline ist seit zwei Wochen nun auch deutschlandweit geschaltet. Seit der Corona-Krise rufen fünf Mal mehr Menschen an als sonst. Darunter sind viele Erstanrufer, die vorher ins Theater gingen, Fotokurse besuchten und Gemeinschaftsreisen unternahmen und ehrenamtlich in der Suppenküche gearbeitet haben. „Auch die, die vorher sehr aktiv am gesellschaftlichen Leben teilgenommen haben, sind jetzt auf sich zurückgeworfen“, betont Schilling.

Ihre letzte Anruferin war eine quicklebendige 97-Jährige, die ihre Besorgungen bisher immer noch selbst erledigt hatte. Der Sohn kommt nun nicht mehr am Wochenende zu Besuch. „Ich befürchte, dass mir das alles auf die Seele fällt“, habe die Frau ihre Angst beschrieben. Elke Schilling konnte einfach nur zuhören und ihr anbieten, eine sogenannte „Silbernetz“-Freundin zu vermitteln, eine ehrenamtliche Gesprächspartnerin, die sie einmal die Woche für eine Stunde anruft. „Da habe ich wenigstens einen Termin, auf den ich mich noch freuen kann“, nahm die 97-Jährige dankend an.

Die Krankenkasse KKH fürchtet denn auch noch mehr Ältere mit Depressionen. In der Generation 60 plus sei die Zahl der Versicherten mit ärztlich diagnostizierten Depressionen sowieso schon von 2008 bis 2018 um fast 35 Prozent gestiegen. Hochgerechnet auf ganz Deutschland seien das bereits 3,3 Millionen Betroffene. Da die Senioren zur Corona-Risikogruppe gehörten, hätten sie nicht nur besonders stark mit Ängsten zu kämpfen, sondern müssten noch mehr als andere auf persönliche Kontakte verzichten, um sich nicht anzustecken. Vor allem Frauen seien gefährdet, denn sie seien etwa doppelt so häufig von einer sogenannten Altersdepression betroffen wie Männer, so die KKH.

Dass überhaupt pauschal Senioren zur Risikogruppe erklärt werden, findet Altersforscher Andreas Kruse aus Heidelberg inakzeptabel. Die Älteren seien doch „eine außerordentlich differenzierte Gruppe“. Wenn man die Alten komplett wegsperre, „fehlen zudem Lebenswissen und Engagement“ im öffentlichen Raum. In jedem einzelnen Fall sollte mit Unterstützung von Ärzten und Pflegekräften entschieden werden, ob der Gang in die Öffentlichkeit angezeigt sei oder nicht. Dafür seien allerdings „hervorragende Testmöglichkeiten“ und ausreichend Schutzkleidung unabdingbar, so der Gerontologe.

Mangel an Schutz ist groß

Daran aber scheint der Mangel groß. In der ambulanten und stationären Langzeitpflege habe man die Betroffenen „allein und ohne ausreichende Schutzausstattung“ gelassen, kritisiert der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). Der Schwerpunkt des Nachschubs habe bisher offenbar bei den Krankenhäusern und Arztpraxen gelegen. Dabei würden in Deutschland 2,6 Millionen pflegebedürftige Menschen zu Hause und 820 000 in Pflegeheimen betreut.

Auch für Klaus Reinhardt, den Präsidenten der Bundesärztekammer, muss es um ein Mehr an Sicherheit gehen. Das gelte gerade auch für daheim betreute Senioren mit professionellem Pflegebedarf. Hier sei das Risiko besonders hoch, dass infizierte Pflegekräfte „das Virus von einem Pflegebedürftigen zum nächsten tragen“. Zu verhindern sei dies nur, „indem die Senioren und die Pflegekräfte professionelle Mund-Nase-Schutzmasken tragen“. Auch Ärzte, die intensiv mit Älteren zu tun haben, brauchten die maximale Schutzausrüstung, „und zwar sofort“. >
© Südwest Presse 04.04.2020 07:45
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