VfB Stuttgart in der Corona-Krise

„Wir sind ein gesunder Klub“

Warum Sportdirektor Sven Mislintat glaubt, dass die Corona-Pandemie reinigende Kräfte für den Profifußball haben wird.
  • Die Krise hat die Fußball-Klubs im Griff, der VfB Stuttgart sieht sich aber noch gut aufgestellt. Foto: Weber/ Eibner-Pressefoto
  • Sven Mislintat, Sportdirektor beim VfB Stuttgart. Foto: Eibner-Pressefoto
Es ist keine Frage, auch im Leben des Stuttgarter Sportdirektors Sven Mislintat trägt die Corona-Krise zur Entschleunigung bei. Also verbringt der VfB-Manager viel Zeit mit Ehefrau und Töchtern zu Hause im Stuttgarter Norden. Dies geschieht allerdings in einer Phase, in welcher die Planung der nächsten Spielzeit sonst auf Hochtouren läuft. Den Transfermarkt zu beackern, neue Spieler zu sichten und zu verpflichten, das zählt zu den Kernkompetenzen von Sven Mislintat. „Der aktive Fußball, unser Training, die Spiele und die täglichen Gespräche – das fehlt mir. Genauso die Menschen im Klub, das Betreuerteam, die Mannschaft“, sagt Mislintat, dessen aktuelle Tagesroutine neben den Krisengesprächen auf der Geschäftsstelle aus Telefongesprächen, Homeoffice und Videokonferenzen besteht.

„Ich bin ein kommunikativer Mensch, daher vermisse ich die Energie und den Spirit unserer Gruppe.“ Geht es um die Planung des Kaders für die jeweils neue Spielzeit, so hat es sich Sven Mislintat angewöhnt, „die Themen sehr früh zu erledigen“. Allerdings waren beim VfB die Szenarien von vornherein schwerer planbar, weil auch neun Spieltage vor Saisonende unklar blieb, ob der Klub künftig ein Erst- oder weiterhin ein Zweitligist ist.

Dann kam die Corona-Krise. Und schneller als erwartet hieß es auch für den Bundesliga-Fußball und seine Macher: Es geht vorerst so gut wie nichts mehr. „So wie fast alles im Moment läuft auch der Fußball viel, viel ruhiger ab“, sagt Mislintat über geplante Termine mit Spielern oder Beratern: „Niemand kann heute prognostizieren, unter welchen Rahmenbedingungen wir künftig Fußball erleben werden.“ Es bewegt sich vieles im Unklaren im Big Business Bundesliga. Sind die goldenen Zeiten einer erfolgsverwöhnten Branche mit der Pandemie vorbei? Wie wird sich die Corona-Krise auswirken auf den Bundesliga-Fußball, der zunächst auf die Zuschauererlöse verzichten muss? „Ich kann nicht sämtliche Entwicklungen vorhersagen, vieles ist aktuell offen“, sagt Sven Mislintat, der immerhin mit Video- und Datenanalysen aus der jüngeren Vergangenheit nach möglichen Neuzugängen fahndet.

Doch klar ist auch dem 47-jährigen Westfalen: Die Fußballwelt wird durch Corona eine andere werden. Denn die Abwärtsspirale dreht sich unaufhaltsam. Allein die Zuschauereinnahmen machen für viele Klubs ein Viertel bis ein Fünftel des Budgets aus. „Die Realität des Profifußballs in der aktuellen Situation ist, dass eher früher als später nahezu alle Klubs extreme wirtschaftliche Probleme bis hin zur Zahlungsunfähigkeit bekommen werden“, sagt Mislintat: „Einige allein durch den Wegfall von Zuschauereinnahmen. Bleiben obendrein die Fernseheinnahmen aus, bringt das für viele Klubs massive Probleme mit sich.“

Die Lage bliebe aber selbst mit den 370 Millionen Euro an ausstehenden TV-Gesamteinnahmen dramatisch – und zwar auch für viele Spieler der 36 Bundesliga-Klubs. „Ich denke, es wird ein sehr großes Portfolio an verfügbaren Spielern geben. Der Transfermarkt wird sich im Sommer stark verändern“, prophezeit Mislintat. Immerhin laufen in der ersten und zweiten Liga mindestens 260 Spielerverträge aus. Da es den Klubs an Geld fehlt, werden sie künftig auch an Gehältern sparen müssen. Obendrein dürften vielerorts Spieler verkauft oder verliehen werden, was dazu führt, dass der Preis auf dem Fußballermarkt sinkt. „Für sehr viele Spieler bedeutet dies, einen viel schwierigeren Markt für sich selbst vorzufinden. Für Klubs hingegen, die im Sommer trotz der aktuellen Situation finanziell handlungsfähig sind, ergeben sich daraus Chancen“, sagt Mislintat.

Mislintat setzt auf Lerneffekt

Den VfB sei gut aufgestellt. Vorausgesetzt, die Saison kann zu Ende gespielt werden. „Wir sind ein gesunder Club, trotz des Abstiegs haben wir durch Transfers im Kalenderjahr 2019 einen hohen Überschuss erwirtschaftet, Santi Ascascibar zusätzlich im Januar an Hertha verkauft und seinen Ersatz Wataru Endo schon proaktiv im letzten Sommer verpflichtet. All das hilft uns zwar länger durchzuhalten“, sagt Mislintat. „Wenn aber sämtliche Einnahmen einbrechen, dann wird es auch für uns irgendwann sehr eng.“

Sven Mislintat betont: „Ich hoffe, dass der Fußball versteht, was ihm in dieser Krise passiert.“ Er setzt auf einen Lerneffekt in einer Branche, die frühestens im Sommer 2021 wieder mit einem gewohnten Spielbetrieb rechnen darf. „Die Wahrheit ist doch, dass der Fußball fast überall auf der Welt heute mit den Einnahmen von morgen kalkuliert“, sagt Mislintat. Das bekämen auch die deutschen Profiklubs gerade aufgezeigt.
© Südwest Presse 04.04.2020 07:45
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