Hintergrund

Wer Zivilcourage wagte

  • Der Historiker Thomas Schnabel. Foto: Franziska Kraufmann/dpa
Der NSDAP-Kreisleiter Richard Drauz war bereits auf der Flucht aus Heilbronn, als er am 6. April 1945 vier Menschen erschießen ließ. Sie hatten eine weiße Fahne aus dem Haus gehängt. Dass ihnen ein Offizier der Wehrmacht dazu geraten hatte, spielte für Drauz keine Rolle. Drei Tage zuvor hatte er die Hinrichtung eines Ortsgruppenleiters angeordnet, weil dieser beim Beseitigen einer Panzersperre tatenlos zugesehen hatte.

Wie viele Menschen im heutigen Baden-Württemberg in den letzten Kriegstagen getötet wurden, weil sie sich und ihren Ort retten wollten, sei nie ermittelt worden, sagt der Historiker Thomas Schnabel aus Heilbronn. „Das hat damals niemand interessiert.“ Er schätzt die Zahl der Opfer auf über 100. „Die Leute wollten nicht einer verlorenen Sache ihre Heimat opfern“, zitiert der Wissenschaftler einen Pfarrer.

Wer das Risiko eingegangen sei, ein weißes Tuch zu zeigen oder Blockaden nutzlos zu machen, „den rechne ich zum Widerstand“, sagt Schnabel, früherer Leiter des Hauses der Geschichte in Stuttgart. Immerhin sei noch am 12. April 1945 verkündet worden, dass derartige Aktionen „mit dem Tode bestraft“ würden; auch den Familien wurden „drakonische Strafen“ angedroht.

Wer sich dennoch nicht daran hielt, musste den richtigen Zeitpunkt erwischen, um dem Standgericht zu entgehen. Das sei im Raum zwischen Heilbronn und Crailsheim besonders schwierig gewesen. Hier zögerten Wehrmacht und SS den endgültigen Rückzug 14 Tage lang hinaus. „Crailsheim ist der einzige Ort in Deutschland, den die Amerikaner zweimal räumen mussten“, erklärt Schnabel. Meßstetten hatte sich bereits den Franzosen ergeben, als ein Obersturmbannführer mit Soldaten zurückkehrte, um den Bürgermeister und einen Gemeinderat wegen der weißen Fahne ermorden zu lassen.

Nirgendwo habe im März/April 1945 mehr eine Mehrheit den Befehlen des untergehenden „Dritten Reiches“ gehorchen wollen. „Die Macht beruhte am Ende nur noch auf Bajonetten“, sagt Schnabel. Unter Lebensgefahr hätten die Kapitulierer „gegen das sinnlose Kämpfen, Sterben und Morden Widerstand geleistet“, lobt der Experte. Sie hätten mit ihrem Wagnis Zivilcourage bewiesen, wobei Erfolg oder Ermordung vom Zufall diktiert worden seien. Hans Georg Frank
© Südwest Presse 07.04.2020 07:45
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