Die Spur führt zu einer gigantischen Serverfarm

Zukunftsforschung steht im Zentrum von Jean-Philippe Toussaints neuem Roman „Der USB-Stick“.
  • : Der USB-Stick. Übersetzt von Joachim Unseld. Frankfurter Verlagsanstalt, 192 Seiten, 22 Euro. Jean-Philippe Toussaint Foto: Frankfurter Verlagsanstalt
Was haben Zinedine Zidane und Dante gemeinsam? Beide, den Fußballer und den Dichter, hat der 1957 in Brüssel geborene Filmemacher und Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint in seine Literatur eingeflochten. Dante als Zitatquelle für seinen wunderbaren vierbändigen Romanzyklus über eine gewisse Marie („Von ihr in einer Weise sprechen, wie noch von keiner je gesprochen“) – und dem Trainer von Real Madrid widmete er ein heftartiges Büchlein über den berühmten Kopfstoß vom 9. Juli 2006 in Berlin („Zidanes Melancholie“).

Ja, Toussaint ist ein eigenwilliger und sehr wandelbarer Autor, und so verwundert es nicht, dass sein soeben erschienener neuer Roman ein unerwartetes Thema bereithält. In „Der USB-Stick“ erzählt der Autor, dessen erstes Buch „Das Badezimmer“ in deutscher Übersetzung bereits vor über 30 Jahren erschienen ist, von Jean Detrez, der als Leiter für Zukunftsforschung bei der Europäischen Kommission arbeitet. In dieser Funktion forscht er daran, ob und wie es möglich sein könnte, unabhängig von den großen Playern im Bereich Blockchaintechnologie zu werden. Und damit auch in der Produktion von Bitcoins beziehungsweise Kryptowährungen.

Zukunftsforschung – das ist keine banale Materie. Nach einem vielbeachteten Vortrag wird Detrez von mehreren Lobbyisten bedrängt, die ihn – ganz entgegen seiner sonstigen klaren Linie, sich nicht verleiten zu lassen – in mehreren Treffen letztlich dazu bringen, nach China zu reisen. Detrez fliegt etwas früher nach Asien, was er niemandem mitteilt, um eine gigantische Serverfarm in der Siebenmillionenstadt Dalian zu besichtigen. Seine Neugier wurde vor allem geweckt und extrem verstärkt, weil er hochsensible Daten dieser Anlage auf einem USB-Stick gefunden hat, den einer seiner konspirativen Kontakte verlor.

Überstürzter Heimflug

Jean-Philippe Toussaint schreibt auf nur 192 Seiten einerseits einen stellenweise atemberaubend spannenden Spionagethriller, andererseits ist „Der USB-Stick“ auch das Zeugnis eines einsamen Mannes, dessen eigene Zukunft vertrackt zu sein scheint – seine Ehe wurde geschieden, er bewohnt eine kleine Wohnung in Brüssel, sein Privatleben ist dem Autor kaum eine Zeile wert. Eigenmächtige Aktionen in Dalian und eine schräg-surreale Szene, in deren Folge er seinen Laptop einbüßt, bringen Detrez dermaßen aus der Fassung, dass er überstürzt den Heimflug antritt. Dort angekommen, ereilt ihn eine sehr traurige Nachricht, die zwar fast eine Hiobfigur aus ihm macht, die ihn an seine Kindheit erinnert, ihn emotional trotz allem erdet und zu seiner Familie führt.

Ähnlich seinem südeuropäischen Kollegen Javier Marías schreibt Jean-Philippe Toussaint sehr elegant, und wie dem Spanier gelingen auch ihm immer wieder äußerst eindrückliche starke Bilder und Szenen – so findet sich in „Der USB-Stick“ eine Passage in Dalian, die eine kühne Variante von Sebastião Salagados „Gold“-Zyklus ist, nur dass hier gigantische Rechner das neue Gold schürfen, die Bitcoins. Das Buch zeigt Toussaint von einer neuen Seite, es ist hochaktuell, ein Stadtroman, eine psychologische Studie, ein beeindruckender gegenwärtiger Roman. Erik Lim
© Südwest Presse 08.04.2020 07:45
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