Ein Job in zwei Minuten

Neue Medien erlauben in der Krise schnelle Bewerbungen und schnelle Entscheidungen. Zum Einsatz kommen verstärkt Chatbots und Video-Interviews.
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Neo ist ein kleiner Kerl mit großer Brille und einer angedeuteten Krawatte. Er fragt mit seiner Computerstimme Geschäftliches. Bei welchen Unternehmen man schon gearbeitet hat, welche Ausbildung man vorweisen kann, ob man schon mal Personal geführt hat, welche Aufgaben interessant wären und was man überhaupt für Fähigkeiten mitbringt. Hin und wieder findet er eine Antwort „interessant“. Nach den Fragen soll man angeben, wo man arbeiten möchte, es folgt eine Maske für die Kontaktdaten – und fertig ist die Bewerbung.

Der kleine Neo ist Teil des Chatbots „Talk'n'Job“ des Unternehmens BetterHeads, Experte für Personalgewinnung. Chatbots sind textbasierte Dialogsysteme, mit deren Hilfe man mit einem technischem System sprechen kann. Per Chat, bei dem man seine Antworten entweder über das Mikrofon seines Handys einsprechen oder über die Tastatur eintippen kann, soll es bei diesem System fast direkt zum Job gehen – ohne Bewerbungsunterlagen oder Foto. Ein Vorteil auch für Arbeitskräfte, denen es schwerfällt, Bewerbungen zu schreiben.

Gerade in diesen schwierigen Zeiten sind diese Reduzierung der Zugangshürden und die Geschwindigkeit entscheidende Vorteile, findet der Gründer Markus Krampe. „Viele Unternehmen suchen gerade Mitarbeiter, die müssen jetzt was machen.“ Die Technologie setzt auf einen spontanen Impuls. Die Stellenausschreibung am Schaufenster, in der Zeitung oder im Internet ist mit einem QR-Code oder einem Link versehen. Scannt oder klickt man einen solchen an, gelangt man direkt, ohne ein anderes Gerät nutzen zu müssen, zu dem Chatbot.

Mit dem sprachgesteuerten Bewerbungschat könne der Bewerber dann sehr einfach in zwei Minuten die relevanten Informationen einsprechen. Aus diesen wird mithilfe künstlicher Intelligenz ein strukturiertes Profil erstellt. Dieses wiederum wird mit den Anforderungen des Unternehmens abgeglichen. „Der Personalberater bekommt dann sofort eine Mail mit diesem Profil und den Kontaktdaten und kann schnell reagieren“, erklärt Philipp Mommsen, Geschäftsführer des Start-Ups, dessen Chatbot nach eigenen Angaben bisher einzigartig ist. Und Krampe fasst zusammen: „Talk'n'Job verringert den Aufwand auf beiden Seiten auf das Nötigste.“

Edeka Nord erprobt das System derzeit, die Rewe Group ist schon weiter und wird es laut Krampe bald landesweit einführen. Rewe selbst drückt sich noch etwas vorsichtiger aus. „Im Bereich der Mitarbeiter-Gewinnung erproben wir bei ausgewählten Berufen wie auf Markt- oder Lager-Ebene mit vielversprechendem Erfolg Chatbots“, bestätigt Pressesprecher Andreas Krämer. Deren Einsatz habe allerdings nicht direkt mit der Corona-Krise zu tun.

Derzeit benötige man zeitlich befristete Hilfskräfte, „helfende Hände“, wie Krämer sagt. Die würden überwiegend auf anderen Wegen gesucht. „Wir sprechen dabei gezielt Gruppen wie Studenten an, die von der Schließung der Hochschulen betroffen sind. Zudem stehen wir im Kontakt mit Unternehmen, deren Mitarbeiter derzeit in Kurzarbeit sind.“ Das betreffe Betriebe aus den Bereichen Gastronomie, Touristik oder Textilien. „Wir bieten deren Mitarbeitern die Möglichkeit, das Kurzarbeiter-Geld als Geringfügig Beschäftigte aufzustocken.“ Es bestehe großes Interesse an Mitarbeit und mehrere Tausend Helfer hätten sich bereits gemeldet, sagt Krämer.

Vorstellen übers Internet

Die Deutsche Bahn hat Bewerbungs- und Auswahlvorgänge aktuell komplett ins Internet verlagert. Sie will ihre Personaloffensive fortsetzen, teilt sie mit. In diesem Jahr sollen 25 000 neue Mitarbeiter eingestellt werden. Tausende Vorstellungsgespräche seien deshalb zuletzt über das Internet erfolgt. Auch Recruiting-Events wie Jobmessen werden nun in digitalen Formaten angeboten. „Der Konzern hat in einem enormen Kraftakt seine Personalgewinnung innerhalb weniger Tage an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst“, sagt DB-Personalvorstand Martin Seiler. „Die DB stellt weiter ein“, betont er. „Unsere Offensive geht weiter: Auch in diesen Zeiten bieten wir sichere Jobs.“
© Südwest Presse 08.04.2020 07:45
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