Staatsoper

„Wir brennen darauf, zu spielen“

Die geschlossenen Theater im Land warten darauf, wie es nach den Osterferien weitergeht. Cornelius Meister, der Stuttgarter Generalmusikdirektor, ist auf alles vorbereitet.
Auf der Homepage der Staatsoper Stuttgart stand am Donnerstagabend noch groß: „Keine Vorstellungen bis 19. April!“. Es ist in den letzten Wochen online weitergespielt worden: „Oper trotz Corona“ heißt die Devise. So manche Produktion wird jetzt gestreamt. Aber wie geht es weiter? Nach dem Verbot von Großveranstaltungen bis Ende August, das Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete, warten die Staatstheater Stuttgart und alle anderen Theater im Land auf neue Verordnungen. Keine leichte Zeit auch für Generalmusikdirektor Cornelius Meister, der freilich schon Balkon-Konzerte initiierte, mit Beethovens „Ode an die Freude“. Und auch am Donnerstag hatte der 40-jährige Dirigent und Pianist ein tatendurstig optimistisches Tagesprogramm – und er nahm sich die Zeit für ein Telefoninterview.

Was macht ein Generalmusikdirektor in diesen Zeiten?

Cornelius Meister : Ich pendele zwischen meinem Zuhause und dem Opernhaus, in der Tat arbeiten viele von uns noch mehr als ohnehin. Einerseits müssen wir darauf vorbereitet sein, wenn der Spielbetrieb wieder aufgenommen wird, egal, wann das sein wird. Denn wir können nicht vom einen auf den anderen Tag von null auf hundert starten. Auch müssen wir nach vorne schauen, planen, die nächsten Spielzeiten vorbereiten, ansonsten wären in zwei oder drei Jahren keine Aufführungen möglich, das wäre fahrlässig.

Und Sie machen Musik.

Wir realisieren jetzt zusätzliche Projekte. Heute nehme ich noch im Opernhaus mit 13 Musikern des Staatsorchesters die „Gran Partita“ von Mozart auf. Das ist mit dem Gesundheitsamt abgeklärt: Jeder Musiker spielt in einer einzelnen Loge, und ich stehe als Dirigent auf einem drei Meter hohen Kran über dem Orchestergraben.

Wie schwierig ist es, ohne Proben das Niveau zu halten bei einem so großen musikalischen Apparat wie dem Staatsorchester?

Wir Musiker sind es gewohnt, einen Großteil unserer Zeit eigenständig einzuteilen. Keiner kommt da einfach ins Büro und wartet ab, was passiert. Sängerinnen und Sänger oder Orchestermitglieder üben zu Hause, wir sind alle sehr gut gewappnet. Dass aber jeder darauf brennt, in der Gemeinschaft zu spielen und vor Publikum aufzutreten, das ist ganz deutlich spürbar, deshalb haben wir den Beruf auch ergriffen.

Was sind die Perspektiven?

Vielleicht lassen sich zunächst mit einer geringeren Anzahl an Musikern vor einer kleineren Anzahl an Zuhörern Projekte realisieren. Auch vermeintlich kleine Produktionen verdienen, wie in normalen Zeiten, eine große Aufmerksamkeit.

Sie arbeiten nicht nur in Stuttgart, sie bereisen als gefragter Gastdirigent die Welt – welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Ihren Terminkalender?

Die „Arabella“ an der Wiener Staatsoper, Beethovens „Neunte“ beim Festival Prager Frühling, Konzerte in der Berliner Philharmonie oder im Wiener Musikverein – alles abgesagt. Ich habe aber den Eindruck, dass die Kulturschaffenden gerade eine große Zuneigung in der Bevölkerung erfahren. Man spürt deutlich, was einem aus dem vertrauten Alltag fehlt. Was mich jedoch sehr beschäftigt, das ist die Frage, ob die Kultur dann, wenn die normalen Zeiten zurückkehren, systemrelevant bleibt. Wenn nicht, wäre das eine nächste Krise, neben der körperlichen sollte man die geistige Gesundheit nicht vergessen.
© Südwest Presse 17.04.2020 07:45
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