Angst vor dem Pleitegeier

Trotz der vorsichtigen Lockerungen ist für viele Betriebe und Branchen nicht absehbar, wann sie wieder aufmachen können. Sie rufen nach Hilfe.
Aufatmen bei Autohäusern und Buchhandlungen, Verzweiflung bei größeren Händlern, Gastronomen und vielen anderen – die Vereinbarungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten über erste Lockerungen des Corona-Stillstands haben in der Wirtschaft höchst unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Viel beklagt wird das Wirrwarr der Regelungen zwischen den Ländern. Eine Übersicht über besonders betroffene Branchen.

Einzelhandel

Geschäfte mit bis zu 800 Quadratmetern Verkaufsfläche sollen schon von Montag an wieder öffnen dürfen – wenn sie ein gutes Hygienekonzept haben und die einzelnen Länder nichts anderes festlegen. „Wir müssen auch schauen, dass sich auf den Straßen keine riesigen Schlangen bilden“, nannte Merkel als einen Grund für die zwangsläufig willkürliche Grenze – und ging damit schon auf eine Kritik des Handelsverbands HDE ein. Dessen Hauptgeschäftsführer Stefan Genth meinte, Abstandsregeln könnten in kleinen wie in großen Geschäften eingehalten werden.

Pro 20 Quadratmetern Verkaufsfläche nur ein Kunde, lautet die Vorgabe. Ob es reicht, wenn größere Läden einfach einen Teil absperren, müssen die Länder in ihren Verordnungen festlegen, ist aber unwahrscheinlich. Zu den schwer einschätzbaren Faktoren gehört, ob die Innenstädte überhaupt viele Kunden anziehen, wenn große Magneten wie Warenhäuser und Bekleidungsgeschäfte noch dicht sind. Insbesondere der Modehandel sei in Bedrängnis, seine Frühjahrsmode noch wegzubekommen, so Genth. Er sorgt sich um die Attraktivität der Innenstädte und fordert mehr Hilfen.

Gaststätten, Hotels, Tourismus

Die Verzweiflung ist groß. Es drohten eine Pleitewelle und Massenarbeitslosigkeit, befürchtet der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Guido Zöllick. „Unsere Betriebe waren die ersten, die geschlossen wurden, und sind nun die letzten, die wieder öffnen dürfen“, moniert er.

Für den Südwesten rechnet die Branche mit bis zu 10 000 Insolvenzen. Zudem könnten Zehntausende arbeitslos werden. Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) droht 40 Prozent des Gastgewerbes deutschlandweit die Insolvenz. 91 Prozent haben ihr Geschäft vollständig eingestellt. Nur die wenigsten können sich ein Außer-Haus-Angebot leisten und innerhalb kürzester Zeit auf die Beine stellen.

Auch die Tourismusbranche schlägt Alarm. „Im Großteil unserer Branche mit mehr als 300 000 Betrieben herrscht aktuell schiere Existenzangst“, sagt Nicole Stockert vom Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW). Das gelte für Busunternehmen und Reisebüros wie für Fluggesellschaften. Die Umsätze gehen gegen Null. „Damit stehen auch viele der rund drei Millionen Arbeitsplätze in unserer Branche auf dem Spiel.“.

Merkel sowie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zeigten Verständnis für die Existenzängste. „Ich verstehe, dass man jetzt eigentlich gerne in ein Lokal zum Essen gehen möchte“, sagte Söder bei der Vorstellung der Lockerungen. „Wir würden damit zum jetzigen Zeitpunkt aber erheblichste Risiken eingehen.“ Man könne in Gasthäusern und Biergärten keinen Mundschutz organisieren. Die Menschen würden leichtsinniger, und die Disziplin würde abnehmen.

Da nicht absehbar ist, wie lange Bars, Hotels und Restaurants geschlossen bleiben, fordern der Dehoga und der BTW ein Maßnahmenpaket. Erstens könnten mit einer Reduzierung der Mehrwertsteuer für die Gastronomie von 19 auf 7 Prozent Umsatzausfälle teilweise kompensiert werden. Das helfe mittelfristig, Kredite zu tilgen, und könne Mut machen, erhofft sich Zöllick.
© Südwest Presse 17.04.2020 07:45
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