„Wir alle sind ausgehungert“

Seit Wochen keine Bundesliga, dafür Fußball aus der Konserve, bald womöglich ausschließlich Geisterspiele. Was macht das mit Fans und Spielern? Der Sportphilosoph Gunter Gebauer gibt Antworten.
Er ist Sportwissenschaftler, Philosoph, Fußball-Fan. Gunter Gebauer verfolgt die Bundesliga seit Jahrzehnten. Die Pläne, den Spielbetrieb im Mai wieder aufzunehmen, sieht der 76-Jährige kritisch. Zum Telefon-Interview haben wir Gebauer in Köln erreicht.

Viele Sender zeigen in der Corona-Krise Fußball-Klassiker. Das WM-Endspiel von 1974 etwa. Tausende schauen zu. Sie auch?

Gunter Gebauer (lacht): Nein.

Warum nicht?

Weil das die Vergangenheit ist. Sicher, solche Spiele waren große Ereignisse, an denen die ganze Nation emotional beteiligt war. Und wenn dann ein wichtiger Sieg errungen wurde, löste das Euphorie aus. Da wurde Gemeinschaftlichkeit hergestellt.

Und das passiert beim Wiederanschauen alter Spiele nicht?

Nein. Auch weil man weiß, wie es ausgegangen ist. Daraus ergibt sich kein Tagesgespräch unter Freunden oder in der Familie. Das Warten auf die Spiele, die Vorfreude und Spannung auf den Anpfiff, die Diskussionen hinterher. Das macht den Fußball lebendig.

Warum zeigen viele Sender dann historische Begegnungen?

Aus Mangel an Ereignissen. Schon traurig.

Hauptsache, der Ball rollt.

Die Situationen für die Redaktionen ist schwierig, weil es momentan kein Material gibt.

Sie meinen aktuelle Ereignisse?

Genau. Der Sport bewegt sich in einem Interessenfeld, das ständig Neuigkeiten braucht. Die Emotionalität, wenn man mit Vereinen mitfiebert, packt einen schon. Das fehlt im Augenblick. Wie gesagt: Spiele sind ja deshalb aufregend, weil man vorher nicht weiß, was dabei herauskommt.

Hat schon Sepp Herberger gewusst.

Eine alte Weisheit. Sie bewährt sich immer wieder aufs Neue.

Viele Fußball-Fans kultivieren die Erinnerung an große Spiele.

Der Sport ist ein Medium der Erinnerung, aber auch eines der Aktualität. Wenn die Erinnerung an große Spiele nicht durch nachfließende Aktualität gefüttert wird, dann wirkt die Berichterstattung schal.

Nun steht der Spielbetrieb in der Bundesliga schon seit fast fünf Wochen still. Was macht das mit Fans?

Zunächst mal bedeutet das einen Verlust an Struktur. Das Spielplan bringt eine Ordnung ins Leben.

Und die geht gerade flöten?

In gewisser Weise schon.

Stürzt die Tatsache, dass kein Fußball gespielt wird, diese Fans in eine Identitätskrise?

Bei sehr engagierten Fans kann das derzeit der Fall sein. Es verstärkt bei ihnen das krisenhafte Gefühl. Wenn man selber sehr stark in das Berufs- und Familienleben verankert ist, ist diese Wirkung natürlich abgemildert.

Traurig sind Sie als Fußball-Liebhaber aber schon, dass gegenwärtig nichts geht?

Ja, es fehlt etwas. Das ist so.

Die Bundesliga will wieder loslegen – mit Geisterspielen. Eine gute Idee?

Ich bilde mir ein, jede Menge Fantasie zu haben. Aber sie reicht nicht aus, mir vorzustellen, wie jetzt neun Spieltage mit Geisterspielen gefüllt werden sollen.

Es dürfte viele Menschen geben, die einfach nur froh sind, dass wieder gekickt wird.

Ja, wir sind ja alle ein wenig ausgehungert. Aber zum richtigen Fußball gehört ein Publikum.

Würden Sie deshalb von Geisterspielen abraten?

Nein, so würde ich es nicht sagen. Ich kann akzeptieren, was die Deutsche Fußball Liga macht. Die muss sehen, dass sie finanziell über die Runden kommt.

In Gesellschaft und Wirtschaft steht vieles still. Die Profis aber wollen kicken. Bekommt der Fußball da nicht ein Erklärungsproblem?

Selbstverständlich. Es sind laut Virologen mindestens 20 000 Tests von Spielern, Trainern und anderen Beteiligten für den Rest der Saison nötig, damit gespielt werden kann. Das ist eine gewaltige Zahl. Sie geht dem Gesamtkontingent verloren.

Ist das zu verantworten?

Aus dieser Perspektive betrachtet, nein. Die Fußballer würden eine Menge Test-Kapazitäten binden. Da kann schnell der Eindruck in der Gesellschaft entstehen, dass dies vergeudete Tests sind. Stellen Sie sich vor, ein Spieler ist infiziert und steckt andere an. Tja, was passiert dann?

Was meinen Sie?

Das würde sich auf den ganzen Betrieb auswirken. Spiele würden annulliert. Und man müsste noch mehr testen. Einige Profis könnten auf den Gedanken kommen, Regressforderungen an den Verein zu stellen, weil sie spielen müssen.

Was halten von dem Argument, wonach eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs vielen Menschen Hoffnung gibt? Darauf, dass es wieder bergauf geht.

Aber das funktioniert nur, wenn es tatsächlich zu einem normalen Spielbetrieb übergehen kann. Das gäbe natürlich große Hoffnung.

Fußballspiele könnten ein Symbol für den Neuanfang sein, sagt Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball Liga.

Die historische Rolle des Sports war schon immer, Jugendlichkeit und Freude zu vermitteln und zu symbolisieren. Fußball bedeutet Massenansammlungen. Bis es soweit ist, dass sich wieder Massen ansammeln können, muss noch viel passieren.

Zurück zu den Geisterspielen. Wie schwierig sind diese für Profis, die es gewohnt sind, in vollen Stadien aufzulaufen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Spieler ihre Spannung hochhalten können.

Angenommen, die Saison würde zu Ende gespielt. Hätte der Gewinn des Titels dann nicht einen Makel?

Das hängt sicher davon ab, wer die Meisterschaft erringt und wie sie errungen wird.

Bayern München wäre, wenn es denn erneut vorne landet, dann so eine Art Corona-Meister.

Es ist zumindest gut möglich, dass Mannschaften, die ihre Chancen nicht genutzt haben, dann verbreiten, dass die Meisterschaft oder der Abstiegskampf völlig irregulär verlaufen sind.

Klingt nach bösem Blut und nicht danach, als würden die Bundesliga-Konkurrenten nach der Corona-Krise solidarischer miteinander umgehen.

Ich glaube nicht, dass Gelder künftig solidarischer verteilt werden im Fußball. Es wird nach einer Zeit der Egozentrismus von Vereinen und Spielern wieder die Oberhand gewinnen.

Welchen Stellenwert wird der Fußballs nach der Krise in der Gesellschaft haben?

Ich denke, die Bedeutung des Fußballs wird etwas abnehmen. Die Leute werden sich verstärkt daran erinnern, dass es nur ein Spiel ist und nichts anderes.
© Südwest Presse 17.04.2020 07:45
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