Infektion

Meisensterben in den Gärten

Unter den Vögeln grassiert eine hoch ansteckende, noch unbekannte Krankheit, die tödlich endet. Der Nabu rät dringend, Futterplätze und Tränken penibel sauber zu halten.
Naturliebhaber, Gartenbesitzer und Vogelbeobachter sind in großer Sorge. Immer mehr von ihnen finden kranke oder schon tote Singvögel, vor allem Blau- und Kohlmeisen. Stefan Bosch, Landes-Fachbeauftragter für Vogelschutz beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), berichtet von aktuell über 600 toten Tieren im Land, geht aber von einer hohen Dunkelziffer aus.

Was die Vögel krank macht, muss erst noch herausgefunden werden. Die Experten gehen von einem hoch ansteckenden Erreger aus. Bosch: „Es könnte ein Erreger sein, der erstmals in England beschrieben wurde.“

Virologen sind beschäftigt

Er betont aber, dass das zum jetzigen Zeitpunkt eine reine Vermutung ist. „Wir sind in engem Kontakt mit Forschern in England. Die Drähte laufen heiß.“ Doch weil die Untersuchungsmethodik „sehr aufwändig“ ist und viele Virologen mit dem Coronavirus beschäftigt sind, kann sich die Untersuchung hinziehen.

„Es ist sehr erfreulich, dass viele Menschen ein großes Interesse an den Vögeln haben“, sagt Bosch. Deshalb seien schon viele tote Vögel zur Untersuchung eingeschickt worden. Trotzdem bittet der Nabu die Vogelfreunde, weiter verendete Vögel entweder an die örtlichen Veterinärämter oder direkt an das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI) in Hamburg zu schicken.

Die Wissenschaftler vermuten, dass der Erreger an Futterstellen und Tränken verbreitet wird. Dort werden nach Auskunft des Nabu auch die meisten toten Vögel gefunden.

„Erkrankte Tiere fallen dadurch auf, dass sie apathisch und aufgeplustert auf dem Boden sitzen und vor näher kommenden Menschen nicht mehr fliehen“, informiert der Nabu. Oft wirkten die Tiere, als litten sie unter Atemproblemen, Schnabel und Teile des Federkleides seien verklebt. Bosch rät: „Wenn mehr als ein kranker Vogel an einer Futterstelle oder Tränke beobachtet wird, sollte das Bereitstellen von Futter und Wasser sofort eingestellt werden.“

Um das Infektionsrisiko an den Vogel-Sammelstellen zu minimieren, rät Bosch zu konsequenter Hygiene. Die Futterstellen sollten sauber gehalten und die Futterspender so gewählt werden, dass sich die Vögel nicht zu nahe kommen und das Futter möglichst nur einzeln aufnehmen.

Bosch rät zu Futterröhren mit nachrutschendem Futter oder anderen Geräten, die nur Tagesrationen enthalten. „Alle Futtergeräte sollten regelmäßig mit heißem Wasser gereinigt, in der Sonne getrocknet und das Futter sollte auf Schimmel überprüft werden.“ Weil sich unter den Futterstellen auch Kot sammelt, sollte der Platz immer wieder verlegt werden.

Vogelspezifischer Erreger

Bosch geht davon aus, dass es sich bei dem Krankheits-Erreger um einen „vogelspezifischen“ Keim handelt. Sollte es sich um den vermuteten, bereits in England beschriebenen Erreger handeln, sei der schon länger auch in Deutschland.

Warum er aktuell so drastisch um sich greife, „auch da kann man nur spekulieren“, sagt der Experte. Eine Erklärung könne der milde Winter sein.

Auch die Frage, warum manche Meisen an dem Erreger sterben und andere nicht, könne nur mit einer Vermutung beantwortet werden, sagt Bosch. „Das kann von der individuellen Konstitution des jeweiligen Vogels abhängen.“

Dass die Meisen nun aussterben, befürchtet der Vogelexperte des Nabu nicht. „Es gibt in Deutschland Millionen von Blaumeisen. Wenn von denen nun einige zigtausend sterben, ist das zwar schlimm, führt aber nicht zum Aussterben der Art.“
© Südwest Presse 17.04.2020 07:45
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