Das Virus und der Alkohol

Viele Konsumenten greifen in der Corona-Krise beim Einkauf häufiger zu Hochprozentigem. Einige Staaten unterbinden den Verkauf – mit Folgen.
  • Die Corona-Krise kurbelt den Verkauf von Alkohol an. Foto: Alexander Heinl/dpa
Der Franzose hamstert Wein, der Deutsche Klopapier: Es gibt viele Alltagsmythen in dieser globalen Krise. Dabei landet Toilettenpapier auch andernorts zuhauf im Einkaufwagen. Und auch die Sache mit dem Alkohol ist so eindeutig nicht.

Tatsächlich kaufen die Menschen in Deutschland in der Krise mehr alkoholische Getränke im Einzelhandel. Von Ende Februar bis Ende März gingen gut ein Drittel mehr Weinflaschen über die Ladentheken als im gleichen Zeitraum 2019, wie der Nürnberger Marktforscher GfK herausgefunden hat. Auch bei klaren Spirituosen wie Gin oder Korn beträgt die Steigerung 31,2 Prozent. Allerdings stehen die Zuwächse im Einzelhandel Umsatzverlusten in der Gastronomie gegenüber.

In Russland ist Umfrageinstituten zufolge der Verkauf von Wodka zeitweise um ein Vielfaches nach oben geschossen. Besorgt über diese Entwicklung äußert sich etwa Sultan Chamsajew von der Organisation „Nüchternes Russland“: „Wir dürfen nicht zulassen, dass dieses gefährliche Virus nun die Ursache für andere Krankheiten wird.“ In dem Land gab es in der Vergangenheit immer wieder Versuche, das Alkoholproblem in den Griff zu bekommen. Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow scheiterte jedoch einst kläglich mit Verboten.

In Südafrika gehen Politiker jedoch genau diesen Weg: Im Kampf gegen das Coronavirus geht ein landesweites Alkohol- und Tabakverbot einher mit einer fünfwöchigen Ausgangssperre. Dort kommt es immer wieder zu Plünderungen in Alkoholläden. Menschen räumten ganze Geschäfte aus. Und auch der Schwarzmarkt blüht: Restbestände von Wein, Whiskey oder Zigaretten sollen per Chat-Gruppen illegal und überteuert angeboten werden.

Schwarzmarkt-Geschäfte nehmen auch in Indien zu , wo Alkoholläden und Bars in weiten Teilen des Landes geschlossen bleiben. Aus dem Bundesstaat Kerala registrierte eine Hilfe-Hotline besonders viele Anrufe von verzweifelten Menschen, die gefragt hätten, wie sie an Alkohol kämen. Alkoholverkäufe sind für viele Bundesstaaten eigentlich eine wichtige Einnahmequelle. Deshalb möchten etliche der Staaten den Alkohol wieder verkaufen.

Im schwer vom Coronavirus getroffenen Frankreich setzt man hingegen nicht auf ein Alkoholverbot. Der „Apéro“ gehört schließlich zum Kulturgut. Die Alkoholverkäufe in Supermärkten gingen in den ersten zwölf Tagen nach Einführung der Ausgangssperre jedoch um gut 16 Prozent zurück, wie eine Studie des Marktforschungsinstituts Nielsen zeigte. Die Verkaufszahlen für Champagner sanken demnach um 52,5 Prozent.

Auch in Spanien gibt es keine Maßnahmen der Regierung, den Alkoholkonsum einzudämmen. In den Metropolen Madrid, Barcelona und Sevilla ist unter anderem der beliebte „Aperitivo“ in Kneipen nicht mehr möglich und dürfte dafür eher zu Hause getrunken werden. Nach einem Bericht der Fachzeitschrift „Inforetail“ kletterten die Verkaufszahlen beim Bier innerhalb einer Woche um fast 80 Prozent, bei Wein um gut 60 Prozent.

In Brasilien ist der „Sextou“ am Freitagabend mit Freunden ein Klassiker. Der gemeinsame Caipirinha ist jetzt aber nur noch bei virtuellen Treffen im Internet möglich. Ein Umstand, der dazu führt, dass in Rios Supermärkten die Verkaufszahlen von Alkohol sogar jene während des Karnevals übersteigen, wie das Nachrichtenportal G1 berichtete. dpa
© Südwest Presse 20.04.2020 07:45
562 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy