Literatur

Heideggers Martinsgans

Ausgewählte Briefe und eine Biografie erinnern an Paul Celan, der sich vor 50 Jahren das Leben nahm.
  • Der Lyriker Paul Celan. Foto: Willi Antonowitz
Kaum jemand kennt Schriftsteller besser als der Lektor, der ihre Manuskripte in Buchform auf die Welt gebracht hat. Ein solcher Geburtshelfer der Poesie ist Klaus Reichert. In den 60er Jahren war der spätere Englischprofessor an der Universität Frankfurt für den Suhrkamp-Verlag tätig. Heute gehört der 1938 Geborene zu den letzten Zeitzeugen des Literaturbetriebs, die Paul Celan persönlich gekannt haben. Die Stimme, in deren Akzent sich Rumänisches mit Österreichischem überlagerte, hat Reichert noch im Ohr, er weiß noch, wie korrekt sich der Dichter stets kleidete und wie abrupt er eine Gesellschaft verließ, wenn jemand anfing, Anekdoten über Hitler zu erzählen.

Vor fast hundert Jahren, am 23. November 1920, kam der jüdische Schriftsteller im damals rumänischen Czernowitz zur Welt, an diesem Montag vor fünfzig Jahren, am 20. April 1970, nahm er sich in Paris das Leben. Ghetto und Zwangsarbeit, der Tod der Eltern und nagende Schuldgefühle, weil er selbst den Gaskammern entkam, haben ihn zerbrochen.

Zum doppelten Jubiläum hat Reichert seine Erinnerungen an Celan nun aufgeschrieben. Die um Briefe ergänzte Arbeitsbiografie gewährt einen persönlichen, aber niemals aufdringlichen Einblick in die fragile Existenz jenes lyrischen Trauerarbeiters, dem wir mit den Versen der „Todesfuge“ das wohl ergreifendste Gedicht über den Holocaust verdanken. Das maschinenschriftliche Original befindet sich, wie der Großteil von Celans Nachlass, im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Paradox wie die Auschwitz-Elegie von der „schwarzen Milch der Frühe“ war auch das Verhältnis des Dichters zu dem Land, in dessen Sprache er schrieb. Schon beim ersten Besuch bemerkt Reichert Werke von Martin Heidegger in Celans Regal. Später kam es zu einem berühmten Treffen zwischen dem jüdischen Autor und dem wegen seiner Nazisympathie umstrittenen Freiburger Philosophen.

Reisen nach Stuttgart

Worum es bei dem berühmt gewordenen Gedankenaustausch in Todtnauberg genau ging, weiß auch Reichert nicht. Aber er wurde später Zeuge eines Tischgesprächs, in dessen Verlauf Celan die Reize von Heideggers Frau (auch sie Antisemitin!) lobte. Worauf die ebenfalls anwesende Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz zurückgiftete: „Wir haben sie damals nur die Martinsgans genannt.“

Doch nicht der Schwarzwaldphilosoph war ein Grund für den Wahlfranzosen Celan, öfter nach Baden-Württemberg zu reisen. In Stuttgart lebte sein Kollege Hermann Lenz, mit dem er in engem Austausch stand. Was sich die sensiblen Einzelgänger schriftlich mitzuteilen hatten, kann man etwa in den Briefen nachlesen. Zum Jubiläum hat die Tübinger Celan-Expertin Barbara Wiedemann eine Auswahl aus Celans Korrespondenz mit über 200 Zeitgenossen herausgegeben.

Zu den aufschlussreichsten Stellen in dem voluminösen Best-of gehört eine kurze Mitteilung, die eine andere Gedenk-Ikone des laufenden Literaturjahrs betrifft: Friedrich Hölderlin, der Nürtinger Poet, der von den Nazis als vaterländischer Kampfsänger missbraucht wurde. Eigentlich bewunderte Celan den schwäbischen Homer und seine erhabenen Worthymnen, doch durch den Holocaust hatten sie ihre ästhetische Unschuld verloren. Nach dem Besuch des Tübinger Hölderlinturms richtete Celan an einen französischen Dichterfreund die Zeilen: „Inmitten sich zunehmend verdüsternder Dinge dieser Turm, auch er ist deutsch . . .“ Georg Leisten

Info „Etwas ganz und gar Persönliches“ ist die Ausgabe mit 691 Briefen Paul Celans bei Suhrkamp betitelt (1286 Seiten, 78 Euro). Klaus Reicherts Band „Paul Celan“ ist derzeit nur als E-Book erhältlich, die Printausgabe erscheint voraussichtlich am 14. Juni.
© Südwest Presse 20.04.2020 07:45
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