„Ein Zeichen der Solidarität setzen“

Am Freitag wird der Deutsche Filmpreis verliehen – ohne große Gala. Filmakademiepräsident und Schauspieler Ulrich Matthes erklärt, wie es ihm sowie der Branche geht und welche Hoffnungen er für die Zeit nach Corona hat.
  • Der Schauspieler Ulrich Matthes ist der Präsident der Deutschen Filmakademie. Foto: Britta Pedersen/dpa
Der Deutsche Filmpreis wird an diesem Freitag ohne Gala verliehen – stattdessen ist eine Fernsehsendung geplant. Mehrere Prominente sollen zugeschaltet werden. Der Schauspieler Ulrich Matthes (60) ist Präsident der Deutschen Filmakademie – und im Homeoffice erreichbar.

Herr Matthes, wie geht es Ihnen?

Ulrich Matthes: Ganz okay. Ich richte mich ein in diesem erzwungenen Zu-Hause-Bleiben. Ich nutze die Möglichkeiten, spazieren zu gehen. Ich besuche mit fünf Metern Abstand meine Mutter vor der Tür ihres Heims. Ich versuche, ein bisschen Sport zu treiben. Ich laufe auf einer Art seelischem Notstromaggregat.

Entwickeln Sie noch keine Sehnsüchte?

Mir fehlt das Theater enorm. Oder Dreharbeiten. Vor allem wollen wir wieder mit vielen anderen Menschen in einem Raum sein. Diese Art der Energie, die man bekommt, wenn man etwas gemeinsam erlebt, ist existenziell.

Wird denn die Welt nach dieser Krise eine andere sein oder halten Sie das für Quatsch?

Ich bin hin- und hergerissen. Der Skeptiker in mir sagt sich, dass die Menschen doch wieder in all ihre Mechanismen zurückfallen werden. Der Optimist hofft darauf, dass dieser Einschnitt so radikal war, dass wir doch ins Nachdenken kommen. Und ich hoffe, dass wir uns über bestimmte Dinge, die wir für selbstverständlich hielten, wieder besonders freuen.

Also mehr Dankbarkeit – wofür genau?

Dankbarkeit dem Alltäglichen gegenüber. Dafür, dass man sich zum Essen treffen kann, dass man ins Kino oder zum Fußball gehen kann. Es muss nicht immer der Sechs-Wochen-Trip nach Neuseeland sein, der einem das Leben versüßt. Ich habe die Hoffnung, dass wir da etwas bescheidener werden in unseren Ansprüchen.

Das könnte sein.

Und ich hoffe weiter, dass die Rechtspopulisten an Zuwachs verlieren, weil die Regierungsparteien uns im Großen und Ganzen auf sehr gute Weise durch diese Krise manövrieren. Ich erhoffe mir auch für Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger, für die Menschen in meinem Supermarkt, die die schlechte Laune von den teils vermummten Leuten aushalten müssen, mehr soziale Empathie. Wissen Sie, was ich neulich gemacht habe?

Was denn?

Ich habe zum Pächter meiner Edeka-Filiale gesagt: „Wenn das alles durch ist, dann lade ich die ganze Belegschaft zu mir ins Theater ein. Dann gucken Sie sich eine Komödie an – den ,Menschenfeind‘ von Molière. Anschließend gebe ich in der Kantine eine Runde aus.“

Und was hat der Pächter gesagt?

Der hat sich gefreut. Eine der Mitarbeiterinnen hat dann noch gesagt: „Ach, das haben Sie dann doch, wenn das alles vorbei ist, wieder vergessen.“ Da habe ich gesagt: „Nee, ganz bestimmt nicht!“ Viele Berufe haben wir für selbstverständlich gehalten, und jetzt merken wir, wie wichtig sie für uns sind. Da erhoffe ich mir mehr soziale Empathie, die sich auch finanziell ausdrücken sollte.

Also in einer besseren Bezahlung?

Ich habe neulich gesagt, dass ich bereit wäre – sagen wir – sieben Prozent meines Gehalts wegzugeben, wenn dadurch Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten, besser bezahlt würden. So eine Art von solidarischer Geste halte ich für selbstverständlich. Und ich hoffe tatsächlich, dass es so eine Art Nach-Corona-Soli geben wird.

Am Freitag wird der Deutsche Filmpreis verliehen – ohne große Gala. Warum wollten Sie trotz Krise am Termin festhalten?

Wir wollten ein Zeichen setzen der Zuversicht, der Solidarität. Und auch ein Zeichen dafür, dass das vergangene Kinojahr großartige Leistungen hervorgebracht hat. Es gibt auch in der Filmbranche viele Ängste. Es besteht die Gefahr, dass kleinere Produktionsfirmen die Krise nicht überstehen, dass Kinos eingehen. Dass das am Freitag nicht so glamourös mit Tschingderassabum und rotem Teppich verliehen werden wird, liegt auf der Hand.

Prominente sollen zugeschaltet werden. Zeigen Sie uns auch Ihr Wohnzimmer?

Nein, ich bin ganz analog im Studio mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters und werde die Lolas für die drei besten Filme verleihen. Aber die Nominierten werden per Stream nägelkauend zuhause sitzen. Man muss halt improvisieren und hoffentlich eine gute Balance aus Ernsthaftigkeit und Humor finden.

Die Kinos sind geschlossen, viele Dreharbeiten gestoppt. Was braucht die Filmbranche jetzt?

Wenn ich es auf einen kurzen Nenner bringen sollte, dann ist es Geld. Viele Filmschaffende fallen im Moment durchs Raster. Auch die Kinolandschaft ist hochgefährdet. Für viele geht es einfach um finanzielle Unterstützung. Und natürlich um die Frage: Wann können wir wieder drehen?

Und deutet sich da etwas an?

Nein. Natürlich bereiten die Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten, die im Homeoffice arbeiten können, neue Projekte vor. Natürlich wird es dann auch Corona-Stoffe geben. Wahrscheinlich setzt sich jetzt auch noch der eine oder andere hin und schreibt seine Memoiren. Ich werde das ganz sicher nicht tun.

Interview: Julia Kilian, dpa
© Südwest Presse 24.04.2020 07:45
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