„Müssen Menschen die Sorgen nehmen“

Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, schlägt Alarm: Aufgrund der Corona-Krise meiden viele anderweitig Erkrankte eine Behandlung in einer Klinik.
  • Ein Corona-Patient in einem isoliertem Intensivbett-Zimmer in der Asklepios Klinik Foto: Peter Kneffel/dpa
  • Gerald Gaß ist Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Foto: Tobias Vollmer/DKG
Angesichts von etwa 10 000 leeren Intensivbetten in Deutschlands Krankenhäusern fordert der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, eine Rückkehr in den Regelbetrieb, damit auch andere Eingriffe nicht zu lange aufgeschoben werden müssen. Auch Reha-Maßnahmen sollten wieder verstärkt aufgenommen werden.

Herr Gaß, es gibt Berichte, dass weniger Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall in die Krankenhäuser kommen…

Gerald Gaß: Das ist in der Tat so. Kardiologen und Schlaganfalleinheiten melden uns, dass sie bis zu 30 Prozent weniger Verdachtsfälle haben. Das beunruhigt uns sehr.

Warum? Vielleicht leben die Menschen in der Krise mit weniger Stress gesünder.

Das mag vielleicht bei ganz wenigen Einzelfällen der Grund sein. In der Fläche liegt es wohl eher daran, dass die Menschen Sorge haben, in die Krankenhäuser zu kommen. Entweder weil sie fürchten, sich mit Corona anzustecken oder weil sie glauben, möglicherweise einem Schwerkranken einen Platz wegzunehmen. Von Kardiologen hören wir, dass derzeit vielfach Patienten kommen, die vorher schon einige Tage mit entsprechenden Symptomen zuhause waren.

Und das ist schlimm?

Die möglichen Folgen eines unentdeckten Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls sind dramatisch. Deshalb müssen wir unbedingt für Aufklärung sorgen und den Menschen diese Sorgen nehmen.

Zumal derzeit eigentlich genug Betten frei sind…

Durch die deutliche Rückführung der Regelversorgung und viele Patienten, mit denen vereinbart wurde, dass die Eingriffe verschoben werden, liegt die Belegung derzeit zwischen 30 und 40 Prozent niedriger als in normalen Zeiten. Weil glücklicherweise auch der erwartete dramatische Anstieg der Corona-Fallzahlen ausgeblieben ist, sind auch weniger Covid-19-Erkrankte in den Krankenhäusern angekommen.

Das heißt, die Krankenhäuser haben die Infektionszahlen derzeit im Griff?

Ja, der Shutdown hat gewirkt, und gleichzeitig haben wir die Zahl der Intensivbetten erhöht.

Darum will der Gesundheitsminister die für Corona freigehaltenen Intensivbetten ab Mai auf 25 bis 30 Prozent reduzieren.

Die Kapazitäten in den Bereichen Intensiv und Beatmung sind im Moment wirklich ausreichend. Deshalb haben wir bereits Mitte vergangener Woche ein Wiederanlaufen des Regelbetriebs vorgeschlagen. Damit könnten wir notwendige Behandlungen von Patienten auf den Wartelisten starten. Wir plädieren dafür, die freigehaltenen Beatmungsbetten bei 20 Prozent der Kapazitäten zu definieren. Wenn sich die Lage ändert, können wir innerhalb von 72 Stunden weitere 20 Prozent zur Verfügung stellen.

Wie soll das gehen? Lassen sich Knie- oder Hüft-OPs so gut planen?

Wir können beim Infektionsgeschehen recht frühzeitig Veränderungen erkennen und dann auch reagieren. Und auch die Kapazitäten lassen sich vorplanen: Ein Patient ist im Schnitt nur sieben Tage in deutschen Krankenhäusern, und davon auch in der Regel keine sieben Tage auf der Intensivstation.

Viele Patienten gehen danach in die Reha.

Die Rehabilitationskliniken haben fast flächendeckend schließen müssen. Viele wurden durch Verordnungen der Länder verpflichtet, ihre Versorgung mit Blick auf Betten- und Personalkapazitäten ganz einzustellen. Ein Teil der Rehakliniken hat zur Zeit Kurzarbeit beantragt. Wir sollten den Reha-Betrieb mit Augenmaß wieder aufnehmen, sonst droht auch großer gesundheitlicher Schaden.

Warum?

Viele Patienten, die vom Krankenhaus in die Rehabilitation kommen, kommen dort wieder auf die Beine. Insbesondere Ältere erreichen neue Selbstständigkeit und Lebensqualität. Das vermeidet auch dauerhafte Pflegebedürftigkeit.

Wie lange sollen Corona- und Regelbetrieb nebeneinander existieren?

Das wird für sicherlich viele Monate die Zukunft sein. Ich glaube, dass das gesamte Jahr 2020 und wahrscheinlich auch 2021 davon geprägt sein wird. Aber auch solche dynamischen Prozesse können wir steuern.

Was raten Sie Patienten, die Angst vor der Ansteckung in der Notaufnahme haben?

Niemand muss Sorge haben, dass die Krankenhäuser ihre Patienten nicht vor Corona schützen können. Wer sich schlecht fühlt, sollte zunächst den niedergelassenen Arzt anrufen und/oder aufsuchen. Wenn das nicht möglich sein sollte, sollte man die Notaufnahme der Krankenhäuser telefonisch kontaktieren. Bei akuten Symptomen rate ich auf alle Fälle dringend, den Rettungsdienst zu informieren und den medizinischen Experten die Einschätzung zu überlassen.
© Südwest Presse 24.04.2020 07:45
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