Kommentar Mathias Puddig zu Angela Merkels Regierungserklärung

Ein seltsamer Gedanke

  • Mathias Puddig Foto: Thomas Koehler/ photothek.net
Jetzt hat es also auch Kanzlerin Merkel getan. In ihrer Regierungserklärung hat sie darauf hingewiesen, dass die Alten in dieser Krise nicht vergessen werden dürfen. Das ist unbestreitbar, doch dann schob sie einen seltsamen Gedanken nach: „Diese 80- und 90-Jährigen haben unser Land aufgebaut.“ Doch ist das der Grund, warum wir ihr Leid nicht vergessen dürfen?

Damit das klar ist: Wir dürfen nicht undankbar sein. Dass wir die Krise verhältnismäßig gut meistern, geht ja nur, weil die Alten das Land wieder aufgebaut haben. Nur darf das Mitgefühl für die Alten niemals von dieser Dankbarkeit abhängen. Es darf von gar nichts abhängen. Denn was wäre dann mit denen, die kein Land wiederaufgebaut haben, weil sie zu jung sind oder weil sie damals noch gar nicht im Land waren? Stünde ihnen weniger Solidarität zu? Wären sie weniger wert? Deutschland steht in einer besseren Tradition, als Menschen einen Wert zuzugestehen, der davon abhängt, was sie geleistet haben. Es gesteht den Menschen Würde zu. Merkel wird die Würde mit ihrer Rede nicht relativiert haben wollen. Sie wollte die Dringlichkeit von Mitgefühl unterstreichen. Ihre Rhetorik war jedoch problematisch.
© Südwest Presse 24.04.2020 07:45
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