Coronavirus Deutschland

In der Existenz bedroht

Verkehrsunternehmen klagen über einen drastischen Fahrgastrückgang. Bund und Länder planen finanzielle Hilfen und führen Maskenpflicht ein.
  • Mit Maske in der Straßenbahn: Von Montag an ist das in allen Bundesländern verpflichtend. Foto: Sina Schuldt/dpa
Ein leerer Wagon statt Stehplatz, Stille statt Stimmengewirr, sauberer statt vermüllter Boden: So sieht es derzeit in Bus und Bahn aus. Für die wenigen verbliebenen Fahrgäste des Öffentlichen Nahverkehrs mag das ein Segen sein. Doch für die Verkehrsunternehmen ist es eine schwierige Situation. Sie beklagen einen dramatischen Fahrgastrückgang aufgrund der Folgen durch die Corona-Pandemie. Nun wird nach und nach in allen Bundesländern die Maskenpflicht eingeführt. Doch bringt sie die Passagiere zurück in den ÖPNV? Was planen Bund und Länder, um die Unternehmen zu unterstützen?

Laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) sind die Fahrgastzahlen drastisch eingebrochen. Das ist mit starken Einnahmeverlusten verbunden. „Momentan fehlen 90 Prozent der Fahrgeldeinnahmen“, sagt VDV-Sprecher Lars Wagner. Mit ähnlichen Verlusten rechnet auch die Busbranche. Einer Umfrage des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) zufolge geben 48 Prozent der privaten Unternehmen an, dass die Folgen des Virus existenzbedrohend seien. „Vor allem der Busverkehr im ländlichen Raum ist bedroht“, sagt BDO-Sprecher Christian Wahl. Sollten die Unternehmen nicht bald finanziell unterstützt werden, müsste zum Beispiel etwa der Schulbusverkehr minimiert werden.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist sich der Existenzprobleme der Unternehmen bewusst. Am Mittwoch verwies er im Bundestag auf die wöchentlichen Beratungen zwischen Bund, Ländern und Verkehrsverbänden. In diesen geht es darum, wie Unternehmen vor der Insolvenz gerettet werden und wie Bund und Länder helfen können. Wie aus Verbandskreisen zu hören ist, ist die Bereitschaft der Bundes- und Landesregierungen groß. Bei den Treffen wird an einem Rettungsfonds gearbeitet. Wie hoch die finanzielle Unterstützung sein wird, ist jedoch schwer abzuschätzen und wird derzeit in unterschiedlichen Szenarien ausgelotet. „Bei der Politik ist der Wille da, viele Maßnahmen auf den Weg zu bringen“, lobt BDO-Sprecher Wahl und betont: „An Entschlossenheit mangelt es nicht.“

Entschlossen zeigen sich die Länder mittlerweile beim verpflichtenden Mund- und Nasenschutz für den ÖPNV. Ab Montag wird die Maskenpflicht gelten – teils mit Strafen wie in Mecklenburg-Vorpommern, wo ein Verstoß 25 EUR kostet, teils ohne wie unter anderen in Berlin. Verkehrsminister Scheuer sprach sich am Mittwoch für eine grundsätzliche Maskenpflicht aus. Zwar bliebe es auf Bundesebene bei einer Empfehlung, er „möchte aber nichts ausschließen“. Der VDV begrüßt die Maskenpflicht, weist aber darauf hin, dass die Verkehrsunternehmen diese nicht kontrollieren und sanktionieren. „Die Maskenpflicht ist kein Teil der Beförderungsbedingungen. Bei Verstößen können die Unternehmen deshalb keine Bußgelder verhängen“, sagt VDV-Sprecher Wagner. Das könnten nur Polizei und Ordnungsämter.

Doch bringt der Mund- und Nasenschutz die Menschen wieder in die Busse und Bahnen? Barbara Lenz leitet das Institut für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und sieht keine dauerhafte Stigmatisierung des Nahverkehrs. Lenz ist überzeugt davon, dass sich der Zustand wieder normalisieren wird. „In dem Moment, wo die Leute wieder zur Arbeit müssen und einkaufen können, nehmen sie wieder den ÖPNV. Daher rechne ich mit einem relativ schnellen Hochlauf“, sagt sie.

Die Verkehrsforscherin prognostiziert, dass der Nahverkehr spätestens im Winter wieder wie vor der Corona-Pandemie genutzt werden wird. Davon, dass sich der Zustand wieder normalisieren wird, gehen auch VDV und BDO aus. Bis dahin müssten Bund und Länder aber alles tun, um den ÖPNV aufrecht zu erhalten, sagen die Verbände unisono.

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© Südwest Presse 24.04.2020 07:45
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