Reichtum über alles

„Wir Kapitalisten“ behandelt in der Bundeskunsthalle in Bonn die Geschichte und viele Facetten unserer Wirtschaftsordnung. Überzeugt das? Ja und nein.
  • Spekulationsobjekt Kunst: „The Value of Art – Sheep's Head“, eine Arbeit von Christa Sommerer und Laurent Mignonneau aus dem Jahre 2010 (aus der Sammlung Haupt, Berlin). Foto: Bundeskunsthalle Bonn
Vorbei, vorbei, vorbei, jetzt ist er endlich vorbei“, sang der Kölner Liedermacher Peter Licht im Jahr 2006. Was ihn zu den froh gestimmten Zeilen anregte, verrät der Titel: „Lied vom Ende des Kapitalismus“. Diese Fehleinschätzung verbindet Peter Licht mit Karl Marx, der schon Mitte des 19. Jahrhunderts an das Ende des Kapitalismus geglaubt hatte.

Wie auch immer jetzt der 1. Mai, der Tag der Arbeit, gefeiert werden mag in Corona-Zeiten: Der Kapitalismus lebt. Das zeigt jetzt auch eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle, die ihn als kultursoziologisches System untersucht. Mit dem die Distanz aufhebenden Titel „Wir Kapitalisten“ vereinnahmt das Kuratorenteam die Besucher als direkt Betroffene. Dem Untertitel „Von Anfang bis Turbo“ ist zu entnehmen, dass es nicht nur um aktuelle Ausprägungen geht, sondern um die gesamte Geschichte des Kapitalismus – und die ist länger, als man gemeinhin glaubt.

Natürlich ist auch die Bundeskunsthalle geschlossen – aber die „Kapitalisten“-Ausstellung lässt sich im Internet auf einem virtuellen Rundgang erkunden (siehe Infokasten), und es gibt eine Video-Führung der Kuratoren: „Wucher mit Toilettenpapier, Quarantäne deluxe in Schweizer Nobelhotels, Mundschutz zu horrenden Preisen: Die aktuelle Krise scheint ein Lehrstück über das Funktionieren unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu sein“, heißt es.

Das multidisziplinäre Sammelsurium aus rund 250 Exponaten also soll Hauptmerkmale des Kapitalismus wie Akkumulation, Effizienz, Rationalisierung, Wachstum und auch das Glücksversprechen verdeutlichen. Schaustücke werden wie Waren präsentiert. Ein solch komplexes und kontrovers diskutiertes System wie der Kapitalismus, der immer schon weit mehr als nur die Wirtschaft betraf, museal aufzubereiten, kann das überzeugen? Ja und nein.

Man findet kritische Positionen wie Klaus Staecks Plakat, das unter der Zeile „Und macht Euch die Erde untertan“ eine halbe Erdkugel auf einer Orangenpresse zeigt. Oder eine riesige Kreatur – halb Mensch, halb Tier –, die auf dem Boden hingestreckt von Mini-Figuren regelrecht ausgeschlachtet wird. „Give us, Dear“ heißt dieses künstlerische Narrativ auf die rücksichtslose Ausbeutung der Ressourcen aus dem Jahr 2013. Wenn einem angesichts solcher Exponate und dem Blick auf das aktuelle Weltgeschehen einfällt, dass der warnende, im Auftrag des Club of Rome erstellte Report „Die Grenzen des Wachstums“ nun schon fast 50 Jahre alt ist, darf man konstatieren, dass es mit den viel beschworenen Selbstheilungskräften der Märkte nicht so weit her zu sein scheint.

Aufstieg und Schattenseiten

Nein, die Ausstellung singt nicht das Hohelied auf den Kapitalismus, dessen Ende einem Bonmot zufolge weniger vorstellbar ist als das der Welt. Auch viele der dokumentarischen Filme und Fotos über die Arbeit am Fließband oder den Landraub konfrontieren mit den Schattenseiten. Porträts von Rockefeller oder Anton Fugger stehen dagegen für das dem Kapitalismus immanente Aufstiegsversprechen. Dass dies nicht auf alle zutrifft, bringen die beiden nachdenklich inaktiven Handwerker von Duane Hanson zum Ausdruck. Der Eindruck täuscht nicht, hier geht es mit vielen thematischen Richtungswechseln und diversen Medien durch die Jahrhunderte.

Als Zeugen des Kapitalismus mühen sich Dionysos und Seneca, eine Kreuzabnahme, holländische Seestücke und eine historische Poststation, ein Maschinenmensch, Filmausschnitte aus „Modern Times“ und „Cabaret“ sowie Fotos von Hochhaussiedlungen und ein recycelter Kindersessel. Sieht so die DNA des Kapitalismus aus?

Als einen Mittelpunkt der nicht chronologisch aufgebauten Schau kann man das Gemälde „Die Verehrung des Mammon“ (1909) von Evelyn de Morgan betrachten. Eine Frau blickt unterwürfig zu einem sitzenden Riesen empor, der fest umschlossen einen Geldsack in den Himmel reckt. Geld und Reichtum über alles. Der Soziologe Werner Sombart glaubte gar, dass die Lust auf Luxus die eigentliche Triebfeder des Kapitalismus sei.

Der ihm wie ein Turbo eingepflanzte Konsumismus und seine die Zukunft unserer Zivilisation gefährdenden Auswüchse beschäftigen den Fotografen Klaus Pichler. Sein Früchtestillleben in einer Schale besteht bei näherem Hinsehen aus schimmeligen Erdbeeren. Der jahrzehntealte Begriff der Wegwerfgesellschaft hat nichts von seiner Aktualität verloren.

Am Ende vergießt in Olaf Nicolais Installation ein Narziss echte Tränen beim Anblick seines Spiegelbilds. Ein Symbol für den nur vorgeblichen Erfolg des oft als anderen Systemen überlegenen und als alternativlos angesehenen Kapitalismus? Oder hat er schon das Coronavirus geahnt, das zeigt, wie anfällig der Kapitalismus letztlich doch ist?

Wer nach dem Rundgang noch nach seiner persönlichen Haltung zu diesem Thema sucht, könnte sich auf das „Kapitalismus-Game“ einlassen. In „Kaufgesprächen“ mit bestimmten Exponaten geht es um ein „emotionales Erleben der eigenen kapitalistisch geprägten Identität im Zeitalter des Lifestyle-Kapitalismus“. Die Währung, in der bezahlt wird, heißt „Ego“.
© Südwest Presse 30.04.2020 07:45
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