Coronavirus Deutschland Aktuell

Arbeiten im Alarmzustand

Sie wartet auf den Tag X, hofft und bangt mit den Kranken und sorgt sich wegen fehlender Atemschutzmasken und Beatmungsschläuche: Eine Krankenschwester spricht über ihren Alltag auf der Intensivstation.
  • Wie in einer abgetrennten Welt: Krankenschwestern auf Intensivstationen sind in dieser Zeit besonders gefordert. Foto: www.imago-images.de
  • Auf der Intensivstation sind nicht nur Covid-Patienten, sondern auch Kranke nach schwierigen Operationen zu versorgen. Foto: Angelika Warmuth/dpa
Wenn Sandra Bärwald zur Nachtschicht fährt, hat sie ein mulmiges Gefühl. „Man weiß nicht, was einen erwartet“, sagt die Intensiv-Krankenschwester, deren Namen wir geändert haben. Seit Wochen warten sie und ihre Kollegen auf den Tag X. Der Tag, an dem so viele Covid-19-Patienten auf die Intensiv-Station ihrer Klinik in Nordrhein-Westfalen kommen, dass die Arbeit nicht mehr zu schaffen ist. „Ich habe schon geträumt, dass ich von einem zum anderen renne und es nicht mal schaffe, die Patienten zu waschen“, sagt die 45-Jährige.

Auf Bärwalds Station gibt es 16 Intensivbetten. Heute sind zwölf belegt. Drei der Patienten sind Corona-Verdachtsfälle, alle über 70 Jahre alt, alle mit Vorerkrankungen der Lunge. Bei einem vierten Patienten wurde das Virus bereits festgestellt. Von den „normalen“ Patienten haben zwei schwere Durchfallerkrankungen und multiresistente Keime, so dass sie ebenfalls isoliert werden müssen. Ein weiterer 80-Jähriger musste nach einem Darmverschluss notoperiert werden. Die Operation war ähnlich schwierig wie die OP bei dem Patienten nebenan, dem ein Lungentumor entfernt wurde. Bei einer anderen Patientin mit einer Magen-OP treten immer wieder Blutungen auf. Vier Pfleger und ein Schüler kümmern sich laut Bärwald in dieser Nacht um die Schwerstkranken. „Das ist für uns eine sehr starke Besetzung, die es vorher so nicht gab. Das könnte man auch ohne Covid öfter haben“, sagt sie.

Die Anweisung, sparsam zu sein

Vor den Zimmern stehen Wagen mit der Schutzausrüstung: Kittel, Spezialmaske, Handschuhe, Haube und Handschuhe. Eigentlich gebe es die Anweisung, die Einmal-Kleidung noch im Quarantäne-Zimmer wieder auszuziehen und alles zu entsorgen, erklärt Bärwald. So sei es schon vor Corona unter anderem bei Influenza-Patienten gehandhabt worden, deren Grippeviren ebenfalls hochansteckend und tödlich sein können. Doch seit der Corona-Krise gebe es nicht mehr genug Hochrisiko-Masken. „Wir bekommen immer wieder die Anweisung, sparsam zu sein“, berichtet die Intensiv-Krankenschwester. Eine Zeit lang sollten sie und ihre Kollegen die sogenannten FFP2-Masken nach der Benutzung mit Namen und Tragedatum beschriften, sie in eine Art Kopfkissenbezug stecken und sie in einem separaten Raum drei Tage zum „Lüften“ auf eine Wäscheleine hängen. „Im Notfall sollten wir sie wiederverwenden. Das fand ich schon erschreckend“, sagt Bärwald.

Derzeit würden die Pfleger einen Tag lang dieselbe Einwegmaske tragen. Wer aus dem Zimmer eines Covid-Patienten komme, hänge den Mundschutz an den Infusionsständer des Wagens. „Er baumelt dann mitten im Gang“, erzählt Bärwald. Um Masken zu sparen und das Infektionsrisiko zu minimieren, werde darauf geachtet, dass nur ein Pfleger in einer Schicht die Corona-Patienten und Verdachtsfälle betreue und selten durch die Schleuse gehe, die vier der zwölf Betten von der Außenwelt abschottet.

Das führe dazu, dass die Intensiv-Pfleger oft stundenlang bei den schwerkranken Corona-Patienten verweilen. „Die Schutzkleidung wird schnell zur Qual“, berichtet Bärwald. „Unter den Latex-beschichteten Plastikkitteln schwitzt man extrem. Die billigen Schutzbrillen, die wir über dem Hochrisiko-Mundschutz tragen müssen, beschlagen und erschweren die Arbeit.“

Der bereits positiv-getestete Covid-Patient heute Nacht ist Mitte 70 und hatte schon vorher Nierenprobleme. Er hängt nicht nur am Beatmungsgerät, sondern auch an der Dialyse. Trotz der Kabel und Geräte müssen ihn die Pfleger in die Bauchlage bringen, eine Maßnahme bei akutem Lungenversagen. Dazu müssen sie noch einen besonderen Katheter legen, weil sich Wasser in seiner Lunge gebildet hat, das den Patienten am Atmen hindert. Sein Kreislauf ist instabil. „Es geht ihm sehr schlecht“, sagt Sandra Bärwald.

Die Ärzte hätten immer noch die unter Forschern umstrittene Anweisung, Covid-Patienten mit Atemnot schon früh künstlich zu beatmen. „Die Leute stellen sich das immer so einfach vor. Aber das ist wirklich schrecklich, wenn man so beatmet wird. Gerade ältere Menschen erholen sich nur sehr langsam, wenn überhaupt, von den Maßnahmen.“ Um das auszuhalten, muss der Patient ins künstliche Koma versetzt werden. Dann kommt ein Schlauch in die Luftröhre. Die Pfleger müssen den Schleim, der jetzt nicht mehr ausgehustet werden kann, immer wieder absaugen und Medikamente injizieren. „Man kommt oft stundenlang nicht aus dem Raum“, erklärt Bärwald.

Die Gratis-Pizza, die ein italienisches Restaurant in der Nacht für die Station spendiert, wird schnell kalt. Kisten mit Gummibärchen, Obst und Gemüse werden gepackt und vorbeigebracht. Jemand liefert 1000 Flaschen eines nährstoffhaltigen veganen Milchgetränks. „Damit wir im Notfall wenigstens schnell was kippen können“, sagt Sandra Bärwald mit einem leichten Anflug von Zynismus. Eines Tages hing plötzlich ein Banner vor dem Krankenhaus: „Unsere Helden“. Doch die Intensiv-Krankenschwester fühlt sich nicht wie eine Heldin. Sie findet diese Gesten eher übertrieben. „Einfache Wertschätzung würde schon reichen“, sagt sie.

Als sie sich Anfang der 90er Jahre zur Fachkrankenschwester für Intensivpflege und Anästhesie ausbilden ließ, sei das kein Job, sondern ein Beruf gewesen. „Das hat etwas mit Berufung zu tun.“ Ihr Anspruch, sich auch um das seelische Wohl zu kümmern, den schwerkranken Patienten im Ausnahmezustand auch mal die Hand zu halten oder den Angehörigen zuzuhören, gehört für sie zum Berufsethos.

Tabletten, um selbst schlafen zu können

Doch schon vor Corona stieß Bärwald immer öfter an Grenzen: Sie erlebte Situationen, in denen nicht genug Intensivbetten frei waren. Einmal sei sie Zeugin gewesen, wie einem Mann, der im Sterben lag, vorzeitig die Sauerstoffmaske vom Gesicht genommen wurde, um rechtzeitig das Bett für einen anderen Patienten frei zu machen. „Es war zwar klar, dass der Mann sterben musste, aber ihm nicht mal die Zeit zu geben, empfand ich als schrecklich würdelos.“

Es sind Situationen, die lange an Sandra Bärwald nagen, die nach einer harten Schicht erst einmal mit ihrem Mann durchgesprochen werden müssen. Wenn es dann auch noch einen kurzen Schichtwechsel gibt und die Mutter zweier Töchter sich wieder nur ein paar Stunden am Nachmittag hinlegen kann, nimmt sie selbst Tabletten, um überhaupt in den Schlaf zu kommen. In der Klinik, in der sie vorher gearbeitet hat, habe Bärwald teilweise drei Schwerstpflegefälle gleichzeitig versorgen müssen. „Einmal habe ich es bis zum Mittag nicht mal geschafft, ihnen einen Jogurt zu bringen.“ Sie hätten sich nicht mal melden können, wenn sie Hunger und Durst gehabt hätten. „Irgendwann stand ich im Gang und habe geheult.“ Bärwald zog die Reißleine und wechselte den Arbeitgeber.

Es war die Zeit, als Jens Spahn (CDU) ankündigte, für mehr Pflegekräfte sorgen zu wollen. Sandra Bärwald kann sich darüber nur wundern. „Wegen der schlechten Bedingungen und Bezahlung gibt es viel zu wenige Leute, die das überhaupt noch machen wollen“, sagt sie. Von den Plänen des Gesundheitsministers habe sie in ihrem Klinik-Alltag einzig mitbekommen, dass plötzlich die Statistiken manipuliert worden seien. „Damit das vorhandene Personal zur Anzahl der Betten passt. Denn jedes geschlossene Bett kostet Geld.“

In dem kleinen Krankenhaus eines deutschlandweit tätigen Klinik-Verbunds, in dem sie nun arbeitet, empfindet sie die Bedingungen als besser. Zumindest eine Stunde am Tag dürfe ein Angehöriger auf die Intensivstation kommen. Für mehr gebe es zu wenige Masken. „Das ist besonders schlimm für Menschen mit Demenz-Erkrankungen. Für sie sind andere Menschen, mit denen sie zusammengelebt haben, oft der einzige Halt. Wenn sie den nicht mehr haben, bauen sie innerhalb weniger Tage ganz massiv ab, das kann man oft nicht mehr rückgängig machen.“

Seit der Corona-Krise gelten für das Personal spezielle Regeln: In der Anfangszeit gab es eine Urlaubssperre, auch eine Dienstverpflichtung stand im Raum. Sie erlaubt, das Personal aus dem freien Tag zu holen. Die Auszubildenden hätten nicht mehr zu Schulungen gehen dürfen, sondern seien auf der Station eingesetzt worden. „Sie werden in diesem Jahr nun nicht mehr ihren Abschluss machen können.“ Selbst die Kollegen, die ungeschützten Kontakt mit einem Corona-Infizierten hatten, seien zwar getestet worden, hätten aber, wenn sie symptomfrei waren, solange weiterarbeiten müssen, bis das Ergebnis da war. Vor Schichtbeginn werde beim Personal Fieber gemessen. „Wer über 37,78 Grad hat, wird nach Hause geschickt und soll sich beim Hausarzt melden.“ Nach der letzten Schicht hat Bärwald zum ersten Mal seit 25 Berufsjahren gleich auf Station geduscht. „Das war mir irgendwie sicherer.“

Weil so viel Personal auf Abruf da ist, aber kaum Regel-OPs stattfinden, hat sie inzwischen Minus-Stunden angesammelt. „Von anderen Kliniken weiß ich, dass sie schon Kurzarbeit angemeldet haben“, sagt sie. Wenn nicht bald wieder der Regelbetrieb starte, könnten kleine Häuser wie ihres in dieser Krise finanziell auf der Strecke bleiben, fürchtet sie.

Der vorhergesagte Andrang der Corona-Patienten lässt auf sich warten. Dafür wird durch Lieferengpässe neben der Schutzausrüstung nun auch das Einweg-Beatmungszubehör knapp. „Bei nicht isolierten Patienten, die weniger als sieben Tage beatmet wurden, kann das Gerät für einen weiteren Patienten verwendet werden“, stehe nun auf einem neuen Aushang im Schwesternzimmer. Auch die Beutel für die manuelle Beatmung sollen nun unter gewissen Umständen für mehrere Patienten verwendet werden. Von Seiten der Klinikleitung heißt es: „Die gebrauchten Beatmungsschläuche werden aufbereitet und für den Notfall zwischengelagert.“
© Südwest Presse 06.05.2020 07:45
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