Leitartikel Carsten Muth zur Entscheidung über die Fortsetzung der Bundesliga-Saison

Spiel auf Bewährung

  • Carsten Muth. Foto: Volkmar Könneke
Noch ist nichts entschieden. Doch aller Voraussicht nach werden Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs am Mittwoch den Weg freimachen für Geisterspiele in der Fußball-Bundesliga. Schließlich haben die Deutsche Fußball Liga (DFL) und ihre Klubs in den vergangenen Wochen erfolgreich Lobbyarbeit betrieben und nichts unversucht gelassen, die Wiederaufnahme des Spielbetriebs vorzubereiten. Gut möglich also, dass der Ball schon vom 15. Mai an wieder rollt. Trotz der anhaltenden Debatte in der Gesellschaft um die Verhältnismäßigkeit einer solchen Maßnahme in Zeiten der Pandemie. Trotz der Sorgen, die damit einhergehen. Trotz einiger positiver Corona-Tests bei Erstligist 1. FC Köln und anderen Teams.

Und nicht zuletzt trotz des jüngsten Skandals um Hertha-BSC-Kicker Salomon Kalou, dessen an die Öffentlichkeit geratenes Video zeigt, wie sorglos offenbar einige Spieler und Betreuer mit den vorgegebenen Verhaltens- und Abstandsregeln umgehen. Die Bilder aus dem Trainingszentrum des Berliner Bundesligisten wirken nach. Sie verstärken die Zweifel an dem von der DFL erarbeiteten Hygiene- und Sicherheitskonzept. Man möchte dieser Tage nicht darauf wetten, dass dieses Konzept auf Dauer den Praxistest besteht und die Liga am Laufen hält.

Die große Frage ist weniger, ob die Profis ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen dürfen, sondern, ob sie ihr Ding dann tatsächlich durchziehen können, die Saison regulär beendet wird. Es ist und bleibt eine Gratwanderung. Die Klubs spielen auf Bewährung. Sollten die Behörden wiederholt ganze Teams – wie am Dienstag bei Zweitligist Erzgebirge Aue geschehen – unter Quarantäne stellen, helfen auch keine Notfallpläne mehr. Dann fällt das Kartenhaus-Konzept in sich zusammen. Allen Beteiligten bleibt zu wünschen, dass es nicht soweit kommt.

Schon klar: Es geht ausschließlich um die Kohle. Die Vereine müssen wieder spielen, um die überlebenswichtigen TV-Gelder zu kassieren. Daraus haben die Klubs nie einen Hehl gemacht. Das Facebook-Video von Hertha-Spieler Kalou kommt da für die DFL zur Unzeit.

Nun wäre es allerdings unfair, von Kalou auf alle anderen Kicker in Liga eins und zwei zu schließen. In aller Regel sind Profisportler von Haus aus sehr diszipliniert. Das müssen sie sein. Sonst könnten sie ihren Beruf nicht ausüben, keine Höchstleistungen bringen. Kalou ist ein guter Fußballer, ein erfolgreicher dazu. Der Ivorer hat mit dem FC Chelsea die Champions League gewonnen, galt bislang als untadeliger Sportsmann. Für sein Verhalten hat sich der 34-Jährige entschuldigt. Dennoch hat ihn sein Arbeitgeber Hertha BSC Berlin rausgeworfen. Der blamierte Verein konnte nicht anders. Um das Projekt Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu retten, mussten die Vereinsoberen dem eigenen Verständnis nach hart durchgreifen. Und ein Zeichen setzen vor der eminent wichtigen Entscheidung der Politik am Mittwoch – auch im Namen aller anderen Profiklubs.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 06.05.2020 07:45
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