Die etwas kleinere Airline

Die Fluggesellschaft werde künftig nicht mehr so groß und etwas anders sein, sagte Chef Carsten Spohr bei der ersten digitalen Hauptversammlung. Man brauche Unterstützung, aber keine Einmischung.
  • Da fliegt noch einer: Einer der wenigen Lufthansa-Jets im Betrieb startet. Im Vordergrund ein stillgelegtes Flugzeug. Foto: Boris Roessler/dpa
Die Lufthansa ist im Ausnahmezustand und dringend auf staatliche Unterstützung angewiesen. Das räumt auch Vorstandschef Carsten Spohr ein, betont jedoch: „Aber wir brauchen keine staatliche Geschäftsführung.“ Doch wie das Rettungspaket aussehen könnte, darüber erhielten die Aktionäre bei der ersten digitalen Hauptversammlung in der Geschichte des Dax-Konzerns am Dienstag keine Informationen.

Über den Stand der Gespräche sei Vertraulichkeit vereinbart worden, sagte Spohr. Er sprach von intensiven Gesprächen mit der Bundesregierung und der staatlichen Förderbank KfW über Liquiditätshilfen. Niemand habe Interesse an einem Scheitern der Gespräche. Nur dann könnte Spohr zufolge ein Schutzschirmverfahren, also ein Insolvenzverfahren in Eigenregie, eine Option sein.

Bei den Hilfen geht es dem Vernehmen nach um ein Volumen von bis zu 10 Mrd. EUR in Form einer stillen Beteiligung ohne Mitspracherechte von 5,5 Mrd. EUR, von KfW-Krediten in Höhe von 3,5 Mrd. EUR und 1 Mrd. EUR für ein 25prozentiges Aktienpaket des Bundes. Spohr betonte aber erneut, dass das Management bei einem Einstieg des Staates das Sagen behalten wolle. „Wir brauchen keine staatliche Geschäftsführung“. Das sehe auch die Bundesregierung so. „Auch in Berlin möchte niemand eine staatliche gelenkte Lufthansa.“

Ähnlich äußerten sich Aktionärsvertreter. Der Staat sei nicht der bessere Unternehmer, sagte Michael Gierse, Fondsmanager bei Union Investment. Wenn die Politik sich ins Geschäft einmische, gebe es das Risiko einer überdimensionierten Infrastruktur. Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), mahnt den Staat zu vornehmer Zurückhaltung. Länger als fünf Jahre solle der Staat im Übrigen nicht an Bord blieben. Tüngler kritisiert zudem die diskutierte Dividende von 9 Prozent für die stille Beteiligung des Bundes. Das grenze an Wucher. Andere Sprecher verwiesen auf schlechte Erfahrungen mit Staatsbeteiligungen anderer Airlines.

Spohr selbst betonte, seit der Privatisierung der Lufthansa vor 23 Jahren habe man erfolgreich gearbeitet und allein in den vergangenen drei Jahren jeweils einen Betriebsgewinn von mehr als 2 Mrd. EUR erwirtschaftet. „Wir haben bewiesen, dass wir es können. Deshalb ist es wichtig, die unternehmerische Entscheidungs- und Handlungsfreiheit der Lufthansa Group zu erhalten.“

Während Lufthansa in Berlin noch verhandelt, ist man bei den Gesprächen in Wien wegen Hilfen für die Lufthansa-Tochter Austrian und in Brüssel im Blick auf den Ableger Brussels Airlines schon weiter. In Bern hat man sich bereits verständigt. „Für die Swiss und deren Tochter Edelweiss haben wir bereits die Zusage der Schweizer Bundesregierung über eine weitgehend durch die Schweiz gesicherten Kredit“, sagte Spohr. Dabei geht es um umgerechnet 1,8 Mrd. EUR.

Es sei klar, dass man nicht allein aus der Krise herausfinden werde. Staatshilfen seien aber kein Selbstzweck, betonte Spohr gegenüber den Aktionären. „Wir verbinden damit klare Ziele und sehen uns gegenüber den Steuerzahlern, die diese Hilfe ermöglichen, in der Verantwortung.“ Es gehe auch nach der Krise um Investitions- und Wettbewerbsfähigkeit. „Vor allem dürfen wir uns nicht überschulden. Das würde uns über Jahre lähmen“, warnt der Lufthansa-Chef. Man müsse schon jetzt überlegen, wie staatliche Kredite und Beteiligungen so schnell wie möglich zurückgeführt werden könnten.

Die Lufthansa selbst werde nach der Krise „eine etwas andere und kleinere“ Lufthansa sein, mit etwa 100 Flugzeugen weniger. Dadurch habe man rechnerisch 10 000 Beschäftigte (aktuell sind es weltweit 138 000) zu viel an Bord. Betriebsbedingte Kündigungen können Spohr zufolge nur durch innovative Teilzeitmodelle und die „einmalige“ Lufthansa-Solidarität vermieden werden. Kurz vor der Hauptversammlung hatten die Lufthansa-Piloten angeboten, bis Mitte 2022 auf bis zu 45 Prozent ihres Gehaltes zu verzichten. Auch Aufsichtsrat, Vorstand und Führungskräfte haben sich verpflichtet, auf einen Teil ihrer Grundvergütung zu verzichten. Alle Ausgaben habe man auf ein absolutes Minimum reduziert, versichert Spohr. 80 000 Lufthanseaten seien in Kurzarbeit. Derzeit werde das gesetzliche Kurzarbeitergeld in Deutschland von der Lufthansa noch auf bis zu 90 Prozent aufgestockt. Das könne man aber nur für eine begrenzte Zeit durchhalten.

Auch die Aktionäre müssen verzichten: Trotz eines Rekordjahres erhalten sie für 2019 keine Dividende. 2020 dürfte es ebenfalls kaum anders sein.

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© Südwest Presse 06.05.2020 07:45
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