Coronavirus Deutschland

Leerstellen durch Corona

Wegen der tiefen Rezession und fehlender Perspektiven droht ein deutlich geringeres Lehrstellenangebot. Wirtschaft und DGB fordern Hilfen.
  • Im vergangenen Jahr noch gut Foto: Grafik Peters, Quelle Statista
Ob Hotels oder Reisebüros – wer wegen der Corona-Pandemie keine oder schlechte Zukunftsperspektiven sieht, stellt in diesem Jahr kaum neue Auszubildende ein. Droht daher ein „Corona-Crash“ auf dem Ausbildungsmarkt? Das befürchtet zumindest die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Elke Hannack. Dies drohe die soziale Spaltung zu vertiefen. Auch die Wirtschaftsverbände sind besorgt und rufen nach Hilfen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) gab aber bei der Vorstellung des Berufsbildungsberichts keine konkreten Zusagen – auch sie stochert noch im Nebel, wie sich die Lage bis zum Beginn des Ausbildungsjahrs im August oder September entwickelt.

Karliczek wagte keine eigene Prognose, sondern führte nur die jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) an. Danach waren im April bei den Arbeitsagenturen 455 000 Ausbildungsstellen gemeldet, 8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Allerdings ging auch die Zahl der Bewerber zurück, und zwar ebenfalls um 8 Prozent auf 384 000. Die weitere Entwicklung hängt entscheidend davon ab, ob die Wirtschaft schnell wieder anspringt. Dann könnte es im August und September noch zu einem Aufholprozess kommen, hofft die BA.

Allerdings gibt es auch alarmierende Signale. So will sich jeder vierte Handwerksbetrieb ganz aus der Ausbildung zurückziehen, ergab eine aktuelle Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), die sich allerdings auf das kommende Ausbildungsjahr 2020/21 bezieht. Nur 45 Prozent planen, genauso viele oder sogar mehr Auszubildende einzustellen. Mit so exakten Zahlen kann zwar Achim Dercks vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) nicht aufwarten. Doch auch er klagt, angesichts fehlender Einnahmen und geschlossener Berufsschulen werde es „von Tag zu Tag schwieriger, Ausbildung aufrechtzuerhalten und Ausbildungsplätze für das kommende Ausbildungsjahr anzubieten“. Dabei brauchen die Betriebe dringend gut ausgebildete Fachkräfte.

Karliczek setzt hauptsächlich darauf, dass die großen Hilfspakete der Bundesregierung greifen und dadurch die Konjunktur wieder anspringt. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen seien die Bewerbungsprozesse zum Stillstand gekommen. Demnächst könnten sie wieder anlaufen. Der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, Friedrich Hubert Esser, sieht Verunsicherung auf allen Seiten: Schulabgänger und Eltern zweifelten, welche Zukunft die Betriebe hätten. Auch diese wüssten selbst oft nicht, wie es weitergeht. Zudem fehle die Motivation durch die Schulen, Bewerbungen abzugeben, sowie Anknüpfungspunkte zu Betrieben wie Ausbildungsmessen.

Einige Betriebe hätten bereits Ausbildungsverträge für das kommende Lehrjahr aufgekündigt, sagte die Vize-Chefin der IG Metall, Christiane Benner, der Deutschen Presseagentur. Der DIHK fordert einen finanziellen Bonus für Betriebe, die zusätzliche Ausbildungsplätze anbieten, etwa durch eine Einmalzahlung oder Zuschüsse zur Vergütung im ersten Lehrjahr. Der DGB schlägt einen Bonus für Unternehmen vor, die Azubis aus insolventen Betrieben übernehmen, sowie ein Sonderprogramm für außerbetriebliche Ausbildungsplätze. Karliczek machte aber keine konkreten Zusagen.

Schon im vergangenen Ausbildungsjahr 2018/19 ging die Zahl der Lehrstellen um etwa 11 000 auf knapp 578 000 zurück. Gleichzeitig sorgte aber die demografische Entwicklung für weniger Nachfrage: Mit 550 000 jungen Leuten suchten 6400 weniger eine Lehrstelle als im Jahr zuvor. Auf jeden Bewerber kamen rein rechnerisch 1,05 Stellen.

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© Südwest Presse 07.05.2020 07:45
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