Bucks heile Welt

Senioren-Schnitzel

  • Gerlinde Buck. Foto: Christian Käsmayr
Sich stets hundertprozentig regelkonform zu verhalten, fällt nicht nur Chole- und Hysterikern schwer. Insbesondere in Krisenzeiten stoßen auch weitgehend harmlose Menschen an ihre Grenzen. Nicht nur einmal am Tag ringen zwei Seelen in ihrer Brust. Neulich in der Schlange vorm Metzger zum Beispiel. Eine Frau in den Siebzigern will mit ihrem Rollator in den Laden. Drei Stufen muss sie dafür überwinden.

Damit nicht genug der Hürden. Die Sachlage ist nämlich folgende: Die Frau ist erstens nicht maskiert. Zweitens soll man einen Abstand zu ihr einhalten. Drittens sagt die innere Stimme: Jetzt hilf der Frau halt schnell. Nur: Von Rechts wegen geht das natürlich gar nicht. Als gebrechliche Seniorin einfach so daherkommen und sich unvermummt ein Schnitzel kaufen wollen . . . Die innere Stimme dringt jetzt laut auf einen Kompromiss: „Wäre es okay für Sie, wenn Sie hier draußen auf Ihrem Rollator Platz nehmen und ich Ihnen Ihre Sachen vom Metzger mitbringe?“

Die Frau guckt einen an, als sei man irr. Die Maske mit dem Knutschmund drauf – das nennt sich „Happy Look“ und gilt als stylish – strahlt scheint's nicht gerade Seriosität aus. „Was glaubat Sie, warum i do bin? I will sälber säha, was guat isch.“

Wo sie recht hat, hat sie recht. Irgendwie kommt die Frau doch an ihr Wunschschnitzel. Keine Ahnung, wie. Die Happy-Maske verrutscht immer so leicht.
© Südwest Presse 09.05.2020 07:45
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