Nach Hause holen

Die Welt tickt anders nach Corona. Unternehmen haben die Verletzlichkeit ihrer globalen Arbeitsteilung erfahren. Wird Produktion jetzt nach Europa und Deutschland geholt?
  • Der Anteil ausländischer Wertschöpfung ist in der Textilindustrie durch die Auslagerung manueller Arbeiten am höchsten. Foto: Doreen Fiedler/dpa
  • Nordamerika importiert am meisten Foto: Grafik Peters, Quelle dpa
Der Sicherheitsabstand zwischen Menschen in Corona-Zeiten beträgt mindestens eineinhalb Meter. In der Weltwirtschaft sind die Abstände etwas größer – und sie wachsen immer mehr. Die USA entfernen sich durch Handelsstreitigkeiten von China. Die EU antwortet mit Abgaben auf US-Strafzölle. Die Pandemie könnte das Auseinanderdriften beschleunigen. So erwartet WTO-Chef Roberto Azevêdo, dass „der Welthandel im Jahr 2020 zwischen 13 Prozent und 32 Prozent zurückgehen wird, da die Covid-19-Pandemie die normale Wirtschaftstätigkeit und das Leben auf der ganzen Welt stört“.

In Deutschland sind Wertschöpfungsketten in besonderer Weise international und EU-weit aufgestellt, erklärt der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Dieter Kempf. „Dieses effiziente Zusammenspiel macht die Wettbewerbsfähigkeit großer Teile unserer Industrie aus.“ Der Anteil der ausländischen Wertschöpfung an der Gesamtwertschöpfung liegt in Deutschland bei rund 25 Prozent.

Wettbewerb schaffen

Beispiel BASF. Der Chemie-Gigant arbeitet weltweit mit mindestens 75 000 Lieferanten aus den unterschiedlichsten Branchen zusammen – dabei sind weniger wichtige Unternehmen noch gar nicht mitgezählt. „Sie beliefern uns mit wichtigen Rohstoffen, Chemikalien, Investitionsgütern sowie Verbrauchsmaterialien und erbringen eine Vielzahl von Dienstleistungen“, heißt es auf Anfrage. Bedeutende Ausgangsstoffe sind etwa Naphtha, Flüssiggas, Erdgas, Benzol und Natronlauge. Wenn es zu Lieferengpässen oder gar -ausfällen kommt, dürften manche der 100 000 Kunden leer ausgehen. BASF vermeidet es, soweit möglich, Rohstoffe von einem einzigen Lieferanten zu beziehen. „Sofern dies nicht möglich ist, versuchen wir, Wettbewerb zu schaffen oder gehen diese Beziehung bewusst ein und bewerten die Auswirkung möglicher Ausfälle.“

Insgesamt ist die Abhängigkeit von Zulieferern in weiten Teilen der Wirtschaft aber hoch. Unternehmensberater von McKinsey haben herausgefunden, dass die Weltwirtschaft 2017 drei Mal abhängiger von China war als noch 2000. Der Anteil ausländischer Wertschöpfung ist laut Essener FOM Hochschule für Ökonomie & Management durch die Auslagerung manueller Arbeiten in Niedriglohnländern in der Textilindustrie am höchsten, gefolgt von der Chemie-, Computer- und Elektronikbranche. In der durch Corona zuerst abgeriegelten chinesischen Provinz Wuhan gab es mehr als 700 ausländische und chinesische Autozulieferer. „Italienische Firmen mussten wegen der engen Verknüpfung trotz der verheerenden Verbreitung des Virus vor der Abriegelung Kontakt in diese Provinz halten und sind hin- und hergeflogen“, sagt FOM-Professor Luca Rebeggiani: „Ein Armutszeugnis.“

Bereits vor Corona gab es laut Rebeggiani politische Tendenzen zur Deglobalisierung. Aus Kostengründen verlagerten Unternehmen ihre Lieferketten oder wechselten zu Lieferanten auf ihrem Kontinent oder im Heimatland. Japan gibt 1,7 Mrd. EUR aus, um Produktion wieder ins Land zu holen. Durch Corona wird es nun „nicht so bleiben wie bisher, weil wir nicht mehr so stark auf internationale Lieferketten vertrauen“, sagt die neue Wirtschaftsweise Veronika Grimm dem Handelsblatt.

Und dies wohl auch wegen der Möglichkeit einer gegenteiligen Entwicklung: Derzeit wird in China voll produziert und die Lieferketten nach Europa wackeln. Kritische Infrastrukturen und existenzielle Ketten sollen stabiler werden, wünscht sich die Politik. Dann könnten künftig etwa Medikamente in deutschen Apotheken seltener Mangelware sein. Und sollte die Pandemie weitergehen, auch genug Schutzmittel wie Masken zur Verfügung stehen. Von 145 Unternehmen, die die Beratungsfirma EY befragt hat, wollen mehr als ein Drittel ihre Lieferketten ändern.

Fast 90 Prozent der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer spürten Mitte April deutliche Beeinträchtigungen im Betriebsablauf. Nach einer Umfrage der Strategieberatung McKinsey sind 73 Prozent der Mittelständler von Ausfällen in ihren Lieferketten betroffen. Jedes vierte Unternehmen überlegt demnach, Teile der Lieferketten seltener auszulagern.

Daimler mit seinen 2000 Zulieferern kann zwar seine globalen Lieferketten derzeit „nicht in vollem Umfang“ aufrecht erhalten. Im Februar und März aber, als bereits viele Betriebe in China geschlossen hatten, lief die Produktion in allen internationalen Werken weiter. Teilweise charterten Spezialteams Flugzeuge, um Teile einzufliegen. Mercedes-Benz versucht schon seit Jahren, dort einzukaufen, wo produziert wird, heißt es auf Anfrage. Aber auch die Autobauer werden in den kommenden Monaten die Erkenntnisse der jüngsten Zeit nutzen, um daraus zu lernen.

Möglicherweise kommt dann das zurück, was in den vergangenen Jahrzehnten als überholt galt: lagern. Statt sich vieles möglichst zeitgenau zur Produktion aus der ganzen Welt liefern zu lassen (just-in-time), könnte es dann heißen: Lieber auf einen Vorrat im Lager zurückgreifen (just-in-case). Veränderte Wertschöpfungsketten sind für Rebeggiani sowieso ein „heilsamer Weg“: „Inländische Unternehmen werden gestärkt, bessere Umwelt- und Sozialstandards eingehalten.“

Ob europäische oder heimische Produzenten die Preise nach oben treiben, ist umstritten. Der parallele Rückgang von Angebot und Nachfrage könnte zunächst helfen, die Kosten im Griff zu halten. Sowieso stehen die Unternehmen mit ihren Produkten meist in einem globalen Wettbewerb und dürfen sich höhere Preise gar nicht leisten.

Nach dem Outsourcing-Trend nun ein weltweites Insourcing und Einlagern? Zurück in die Vergangenheit? Für Daimler-Chef Ola Källenius wäre „eine Welt ohne globale Arbeitsteilung eine weniger erfolgreiche“. Die Lieferketten hätten sich nicht ohne Grund so entwickelt, wie sie heute sind.
© Südwest Presse 09.05.2020 07:45
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