„Welcome Europe“ hinter Plexiglas

Nach der Absage des offiziellen „Eurovision Song Contest“ werden im deutschen Fernsehen gleich zwei eigene Shows gezeigt. Quotensieger ist die ARD-Sendung, unterhaltsamer die Pro7-Show.
  • Ein wenig verloren so ganz allein: Barbara Schöneberger moderiert die ARD-Show „Eurovision Song Contest 2020 – das deutsche Finale“ in der Elbphilharmonie. Foto: Uwe Ernst/NDR/dpa
Es gibt einen Moment an diesem Abend, da berühren sich die beiden Welten. In der ARD läuft die internationale ESC-Ersatzshow aus den Niederlanden – und dort sieht man die Niederländerin Ilse DeLange zusammen mit dem deutschen Sänger Michael Schulte den deutschen Grand-Prix-Siegerhit von 1982, „Ein bisschen Frieden“, trällern. Das Erstaunliche daran: Nur einen Knopf weiter auf der Fernbedienung fiebert eben jene Ilse DeLange auf ProSieben um den Sieg bei Stefan Raabs „Free European Song Contest“. Die doppelte Ilse, wie kann das sein?

Der eine Auftritt ist live, der andere aufgezeichnet, das ist die Erklärung. Aber beides zusammen ist – zumindest unter maßgeblicher deutscher Beteiligung – einer der wenigen echten europäischen Momente des Abends: Es wird eine Grenze überwunden. Und sei es nur die Grenze zwischen zwei Sendern, die beide versuchen, den Deutschen das ESC-Gefühl zu geben, das ihnen durch die Corona-Absage des echten Eurovision Song Contest vorenthalten worden ist.

Zu den Fakten: Deutschland hat am Wochenende zwei Gewinner eines europäisch ausgerichteten Gesangswettbewerbs gekürt. In der ARD gewinnt am Samstag die Band „The Roop“ für Litauen die Show „Eurovision Song Contest 2020 – das deutsche Finale“ und darf sich nun als deutscher „Sieger der Herzen“ bezeichnen. Wenig später wird bei ProSieben dem Sänger Nico Santos und mit ihm Spanien die Trophäe des ersten „FreeESC“ überreicht.

Im Duell der Ersatzshows siegt im Gesamtpublikum das Erste mit gut 3,1 Millionen Zuschauern (10,2 Prozent Marktanteil) vor dem sogenannten FreeESC mit 2,6 Millionen Zuschauern (9,6 Prozent).

Auf die zweistündige internationale und offizielle ESC-Ersatzshow „Europe Shine a Light“ lassen sich bei der ARD dagegen ab 22.15 Uhr nur noch 1,64 Millionen Zuschauer ein (7,6 Prozent).

Die beiden ESC-Ersatzshows ab 20.15 Uhr sind eine recht deutsche Angelegenheit. In der ARD mutiert Barbara Schöneberger in der leeren Hamburger Elbphilharmonie zur Alleinunterhalterin – das allerdings gekonnt. Zu ihrem eigenen überaus augenfälligen Kleid sagt sie: „Der ESC lebt! Das freut mich besonders, denn wo sonst hätte ich diesen Fummel noch tragen können?“

Zehn echte nominierte ESC-Teilnehmer 2020 gehen ins Rennen, nicht alle singen aber live im Konzerthaus. Etwas irritierend ist vor allem, dass nach den aufgedrehten Beiträgen kein euphorischer Applaus aufbrandet. Die Künstler verharren stattdessen sekundenlang in absoluter Stille in ihrer Schlusspose. Selbst Song-Contest-Dauerkommentator Peter Urban ist nur gelegentlich zu hören. Schwierig für das ESC-Feeling.

Bei ProSieben geht es derweil krachender zu, auch weil man die Teilnehmer – wohlgemerkt als Deutscher – besser kennt. Zum Beispiel Sängerin Sarah Lombardi für Italien oder Schlagerstar Vanessa Mai für Kroatien. Moderator Steven Gätjen wählt sogar die große europäische Geste: „Welcome Europe!“ Dann nimmt er neben einer Plexiglas-Wand Aufstellung, die ihn Corona-korrekt von seiner Co-Moderatorin Conchita Wurst trennt.

Den „FreeESC“ hat sich Stefan Raab ausgedacht, das wurde ProSieben kaum müde zu betonen. Der Wettbewerb atmet den Geist seiner alten Shows. Viele hofften auf eine leibhaftige Rückkehr des „Raabinators“ auf die TV-Bühne. Es bleibt dann aber bei einem kurz eingeblendeten und aufgezeichneten Clip, in dem Raab die deutsche Grand-Prix-Gewinnerin Nicole parodiert.

Die Nostalgie der Raab-Show geht bis hin zum Humor. Im Beitrag über Bulgarien wird mehrfach gefurzt, beim Vereinigten Königreich geht es um die miese Küche der Briten, zu Deutschland gibt es einen Witz über die Kanzlerin „Herr Dr. Merkel“. Insgesamt ein eher deutscher Blick auf Europa.

Und doch bleibt von der Show am Ende mehr hängen als nur der Versuch, den ESC im Raab‘schen Sinne nachzuahmen. Es ist der zuvor geheim gehaltene deutsche Beitrag – präsentiert von Komiker Helge Schneider. Er heißt „Forever at home“ und besingt das Leben in der Corona-Krise: „Für immer, forever at home, forever alone, für immer im Haus“, singt Schneider. „Der Markt hat auf, ich bleib‘ zu Haus, lass mir Kartoffeln schicken. Ach, wie gemütlich es bei mir ist. Doch lässt sich keine blicken.“ Kartoffeln. Darauf können sich selbst im gespaltenen ESC-Land Deutschland wohl alle einigen. dpa
© Südwest Presse 18.05.2020 07:45
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