Klassisch

Mythische Sinfonie

  • Foto: Label Alpha, Vertrieb: Note 1 Foto: Label Alpha, Vertrieb: Note 1
  • Foto: Burkhard Schäfer Foto: Burkhard Schäfer
Zum 100-jährigen Bestehen der Republik Estland hatte die Regierung des Landes Erkki-Sven Tüür damit beauftragt, eine Sinfonie zu schreiben. Im Januar 2018 wurde das Werk – Tüürs 9. Sinfonie mit dem Titel „Mythos“ – in Tallinn und Brüssel von Widmungsträger Paavo Järvi und dem Estonian Festival Orchestra uraufgeführt. Jetzt ist der Konzertmitschnitt auf CD (Label Alpha, Vertrieb: Note 1) erschienen. Diese großartige und groß dimensionierte Sinfonie beginnt wie aus dem urzeitlichen Nichts und entwickelt sich im Laufe ihrer rund 35 Spielminuten zu einem abstrakten Drama, das den Hörer unmittelbar in seinen dunklen Bann zieht und bis zum Schluss nicht loslässt. Flankiert wird diese „Neunte“ von den zwei kürzeren Orchesterwerken „Incantation of the Tempest“ und „Sow the Wind…“, die Tüür einmal mehr als einen Meister hoch dynamischen Klanggeschehens ausweisen.

Was verbinden Sie mit der Gattung Sinfonie

Erkki-Sven Tüür : Eine Sinfonie zu schreiben bedeutet für mich, ein einzigartiges Gebäude wie etwa ein Theater oder einen Tempel, zu bauen und darin ein intensives Drama mit sich entwickelnden Charakteren spielen zu lassen. Dieser Klang-Raum wird nur für dieses spezielle Ereignis projiziert. Mit anderen Worten: Die Sinfonie ist eine komplexe und vollständige Welt in all ihrer Vielfalt, die auch dem äußeren Betrachter einen subjektiven Blick darauf eröffnet.

Welchen Mythos „erzählen“ Sie in Ihrer 9. Sinfonie?

Ich erzähle keinen bestimmten Mythos, das ist nicht meine Absicht. Der Titel soll vielmehr als Auslöser für die innere kreative Vorstellungskraft des Zuhörers fungieren. Die alten Schöpfungsmythen der finno-ugrischen Stämme schwingen dort einfach mit. Generell liegt meiner Musik nie nur eine einzige Vorstellung zugrunde. Einer der größten Werte abstrakter Instrumentalmusik ist es, dass sie mehrere und unterschiedliche Geschichten gleichzeitig evozieren kann.

Die beiden kürzeren Stücke haben den Sturm beziehungsweise Wind zum Thema. Was fasziniert Sie an diesen Wetterphänomenen?

In der Musik gibt es immer viel mehr Themen als die, die mit dem jeweiligen Titel verbunden sind. Natürlich haben mich die komplexen Prozesse fasziniert, wie sich die Hurrikane entwickeln, wie einige scheinbar unwichtige Parameter Veränderungen in einem viel größeren Maßstab nach sich ziehen. Beim Komponieren folge ich einfach ähnlichen Kurven und Entwicklungen, indem ich mit rein abstraktem musikalischem Material arbeite. Burkhard Schäfer
© Südwest Presse 18.05.2020 07:45
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