BVB-Profis allein vor der grauen Wand

Auch ohne ihre stimmungsgewaltigen Anhänger spielt sich Borussia Dortmund beim 4:0 im Geisterspiel gegen FC Schalke 04 in einen Rausch.
  • Wo sonst 25?000 BVB-Fans eine gelbe Wand bilden, herrschte nur tristes Grau. Doch auch ohne diesen Rückhalt trumpfen die Dortmunder Profis beim 4:0 gegen Schalke groß auf. Foto: Martin Meissner/dpa
  • Gefährliche Nähe: Die Hertha-Profis Dedrick Boyata und Marko Grujic (v. l.) Foto: Thomas Kienzle/dpa
Der traurige Derby-Jubel vor der „Grauen Wand“ war das Symbol eines historischen Bundesliga-Spieltags. Wo sich sonst 25 000 Fans auf dem Monument der Fußball-Stimmung vor Ekstase überschlagen hätten, mit fliegenden Bierbechern und Triumphgeschrei, da reihten sich Mats Hummels und Erling Haaland, Raphael Guerreiro und Roman Bürki ganz brav mit Hygiene-Abstand auf und warfen gemeinsam die Arme in die Luft.

Das war in hohem Maße trostlos, aber auch eine angemessene, gefühlvolle Geste gegenüber jenen, die nicht dabei sein durften. „Es war eine spontane Aktion, da wird man erfinderisch“, berichtete der überragende BVB-Nationalspieler Julian Brandt nach dem 4:0 (2:0) gegen Schalke 04, dem höchsten Dortmunder Derbysieg seit 1966: Brandt selbst war als einziger nicht dabei. „Ich hatte nicht mehr die Kraft, noch zu unserer Südtribüne zu gehen.“

Fußballerisch nüchtern betrachtet hatte die Borussia ihren Erzrivalen wie nie in den vergangenen 54 Jahren aus dem Stadion gefegt und ihre Ambitionen auf den Meistertitel unterstrichen. „4:0 gegen Schalke – das ist schon ganz okay“, sagte der quietschvergnügte Lucien Favre.

Die Fans konnten all dies nur am Fernseher verfolgen – wenn sie denn wollten. Der Pay-TV-Sender Sky verzeichnete einen Zuschauer-Rekord. Die Einzelspiele um 15.30 Uhr und die Konferenz im gebührenpflichtigen Teil schalteten 3,68 Millionen Menschen ein – doppelt so viele wie an normalen Spieltagen. Die Konferenz im Free-TV sahen 2,45 Millionen Zuschauer. Die ARD-Sportschau um 18.30 Uhr verzeichnete dagegen Einbußen. 4,11 Millionen sahen zu, sonst sind es meist über 5 Millionen.

Rund um die Stadien blieb es ruhig, es kam nirgendwo zu den von manchen befürchteten Versammlungen vor den verschlossenen Arena-Toren. Die Stadien blieben an dem seltsamsten Spieltag der Bundesliga-Geschichte gespenstisch leer.

Die in der ganzen Sportwelt beäugte Rückkehr klappte bis auf wenige Ausnahmen nahezu unfallfrei. „Unter dem Strich ist das Experiment gelungen“, befand Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Sonntag im „Doppelpass“ von Sport 1. Der CSU-Chef empfand den Wiederbeginn sogar „viel besser als gedacht.“

Allerdings hielten sich nicht alle Spieler an die Bewährungsauflagen. Kritik zogen erneut die Hertha-Profis auf sich, die ihre Tore beim 3:0 bei der TSG 1899 Hoffenheim innig gemeinsam bejubelten. „Wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Wir sind alle getestet worden und umarmen uns nur selber und nicht den Gegner“, sagte Berlins neuer Trainer Bruno Labbadia. Zuvor hatte ein Video des suspendierten Hertha-Profis Salomon Kalou fast den Neustart der Liga gefährdet. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hatte den Profis geraten, auf den gemeinsamen Jubel zu verzichten. Kurzer Ellenbogen- oder Fußkontakt, wie ihn viele Torschützen zeigten, ist indes erlaubt.

Söder kündigte an: „Die Liga wird noch nachschärfen, da bin ich mir recht sicher. Der Fußball hat eine extreme Vorbildfunktion in jeder Beziehung.“ Auch der Gladbacher Marcus Thuram bejubelte sein Tor in Frankfurt Wange an Wange mit Teamkollege Ramy Bensebaini.

Trotz allem aber war die Bundesliga froh, 66 Tage nach der bis dahin letzten Aufführung überhaupt wieder den Spielbetrieb aufnehmen zu dürfen. „Es ist ein historischer Tag, da guckt die ganze Welt, die ganze Sportwelt drauf“, sagte Eintracht Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic. Und der als durchaus kritischer Geist bekannte Freiburger Trainer Christian Streich beteuerte: „Für mich ist es eines der erfreulichsten Spiele, die ich bis jetzt hatte in der Bundesliga, auch unter eigenartigen Umständen.“

Neidisch blickte so mancher Star aus dem Ausland auf den gelungenen Wiederanpfiff der Bundesliga. „Sie kündigen es an, sie machen es. Danke“, schrieb Zlatan Ibrahimovic vom AC Mailand vor schwarz-rot-goldenem Hintergrund bei Instagram. „Erstes Fazit nach 90 Minuten: wie erwartet sehr merkwürdig ohne Fans. Trotzdem macht es Spaß, endlich wieder Fußball zu sehen nach so langer Zeit“, urteilte Nationalspieler Ilkay Gündogan von Manchester City.

Die Rettungsmission des deutschen Fußballs für das Profigewerbe ist also nach Plan angelaufen. „Wir werden alles dafür tun, dass die Liga durchgespielt wird – und wenn es erst im Juli ist“, sagte Bobic. sid/dpa
© Südwest Presse 18.05.2020 07:45
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