Veröden die Innenstädte?

Durch die Schließung zahlreicher Filialen von Karstadt Kaufhof drohen an vielen Standorten die Magneten in den Einkaufsstraßen verloren zu gehen.
  • Der Karstadt am Kurfürstendamm hatte wegen Corona wohl nur vorübergehend geschlossen. Andere Filialen sollen dauerhaft dichtmachen. Foto: Michael Kappeler/dpa Foto: Michael Kappeler/dpa
Ohne Anziehungspunkte wie Warenhäuser drohen die Fußgängerzonen gerade von kleineren und mittelgroßen Städten weiter zu veröden. Daher sind viele Kommunalpolitiker und Händler alarmiert über Meldungen, dass der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof bis zu 80 seiner noch 175 Filialen schließen will. Zudem gibt es Spekulationen, dass rund 20 der 30 Filialen von Karstadt Sports vor dem Aus stehen sowie 100 der 130 Reisebüros der Konzerntochter Atrys.

„Trotz aller Umwälzungen durch den Internethandel und die Folgen der Corona-Krise sind die traditionsreichen Warenhäuser dieses Handelsunternehmens wichtige Arbeitgeber und Versorgungszentren vor Ort“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, der Deutschen Presse-Agentur. Sie zögen Menschen in Innenstädte und nutzten damit auch dem Einzelhandel in ihrem Umfeld.

Noch gibt es keine Bestätigung für die Pläne des letzten deutschen Warenhauskonzerns, der sich angesichts der Corona-Krise Anfang April in ein Schutzschirmverfahren gerettet hatte, eine besondere Form einer Insolvenz. In seinem Rahmen könnte die Gesellschaft unter anderem leichter bestehende Mietverträge kündigen. Die Zahl der bedrohten Filialen könne sich noch reduzieren, wenn Vermieter und andere Beteiligte zu Zugeständnissen bereit seien, hieß es in informierten Kreisen.

Der erste Entwurf eines Sanierungskonzepts für den kränkelnden Handelsriesen, das Gesamtbetriebsrat und Vertretern der Gläubiger vorgelegt wurde, war am Freitag bekannt geworden. Insider rechnen mit dem Abbau von rund 5000 Vollzeitstellen. Zuletzt hatte Karstadt Kaufhof noch rund 28 000 Mitarbeiter.

Norbert Portz vom Deutschen Städte- und Gemeindebund warnte angesichts der Schließungspläne vor der Gefahr der Verödung vieler Innenstädte: „Galeria Karstadt Kaufhof ist nicht irgendwer. Die Warenhäuser sind für viele Innenstädte systemrelevant.“ Gerade für viele strukturschwächere Plätze wäre ein Verlust der Warenhäuser kaum auszugleichen. Noch gibt es keine Informationen, welche Standorte gefährdet sind. Viel spricht dafür, dass es sich zum einen um kleinere Häuser handelt und zum anderen um solche in strukturschwachen Regionen. Schon vor der Fusion zu Karstadt Kaufhof hatte es in den Warenhäusern einen erheblichen Sanierungsstau gegeben. Gleichzeitig sind die Standorte aber gerade für mittelgroße Städte wichtige Magneten für die ganze Innenstadt.

Was passiert, wenn sie über Nacht wegfallen, lässt sich an Orten beobachten, die früher ein Hertie-Standort waren. Diesen Traditionsnamen hatte eine Tochter der britischen Gesellschaft Downy Day angenommen, die 2005 rund 70 kleinere Warenhäuser von Karstadt übernommen hatte. Schon drei Jahre später musste sie Insolvenz anmelden. Als ein wesentlicher Grund galten die hohen Mieten. Danach standen die Häuser häufig jahrelang leer. In der Folge machten auch viele andere Geschäfte in der Umgebung dicht, eine Spirale nach unten.

Der Einzelhandelsverband HDE warnte bereits vor der Corona-Krise vor überzogenen Mieten in Innenstädten. In den letzten zehn Jahren hätten 39 000 Geschäfte schließen müssen. „Wenn der Handel stirbt, sterben Stadtzentren und damit ein Stück Heimat“, sagte schon zu Jahresanfang HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. (mit dpa)
© Südwest Presse 18.05.2020 07:45
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