Kriegt der Kuss die Krise?

„Küssen verboten“ sangen 1992 Die Prinzen. Für alle, die nicht zusammenleben, gilt das auch jetzt. Kommen in Corona-Zeiten andere Rituale auf?
  • Dennis Klein aus Egelsbach und seine Freundin Teresa Kalinke küssen sich bei einem Ausflug nach Frankfurt am Main auf dem Opernplatz. Foto: Arne Dedert/dpa
Wenn die Angst vor Tröpfchen umgeht, erlebt der Kuss eine Flaute. Vom Luftküsschen zur Begrüßung bis zum Zungenkuss – in Zeiten von Abstand und Schutzmasken ist daran nicht zu denken, zumindest wenn man nicht zusammenlebt. Wird man je wieder unbeschwert jemanden küssen, den man noch nicht allzu gut kennt? Und werden sich die Menschen überhaupt wieder mit Küsschen auf die Wange begrüßen?

In Italien, dem Land der „Baci“, hatte der wissenschaftliche Beraterstab der Regierung schon Anfang März geraten, wegen der Corona-Ausbreitung auf Begrüßungsküsschen zu verzichten. Aber seit die Schutzmaßnahmen gelockert wurden und die Menschen wieder aus dem Haus und Familienangehörige treffen dürfen, wurden wieder sich heimlich küssende Pärchen gesichtet.

Das wollen die Österreicher verhindern: Kurz vor der Öffnung der Gastronomie dort hat Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) in einem Interview klargestellt, dass Küssen in der Öffentlichkeit gegen die bestehenden Regeln verstoße.

Könnte es Kuss-Empfehlungen auch in Deutschland geben? Das Robert Koch-Institut verweist auf die Regel, mindestens 1,5 Meter Abstand von anderen Menschen zu halten und in bestimmten Situationen zusätzlich eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. „Schon vom Händeschütteln wird abgeraten.“ An Küsschen und Co. ist nicht zu denken.

Heike Melzer, eine Fachärztin für Neurologie und Sexualtherapeutin in München, sieht darin aber auch Chancen für andere Begrüßungsrituale. Küsschen, Handschlag, Umarmung, Verbeugung seien kulturell ritualisierte Formen der Kontaktaufnahme, um seinem Gegenüber zu signalisieren: „Ich sehe dich, ich wertschätze dich, ich mag dich, ich komme in friedlicher Mission.“

Ein hygienisches Problem sei das – außerhalb der Pandemie – eher nicht, sagt Melzer. Innige Umarmungen und Küsschen könnten eher dazu beitragen, die Immunabwehr zu stärken.

In anderen Kulturen funktioniert die Begrüßung ohne Berührung, Daran könnte man sich auch hierzulande durchaus gewöhnen, meint Melzer. „Wenn wir im Kulturkreis neue Rituale vereinbaren und unser Gegenüber lesen können, dann kann eine wertschätzende Verbeugung wie im asiatischen Raum üblich mindestens genauso wertschätzend sein wie das Küssen von zum Teil wildfremden Menschen.“

Gar nicht so scharf aufs Küssen zeigten sich Anfang der 1990er Die Prinzen. Die Band aus Leipzig landete mit „Küssen verboten“ einen Hit. „Doch da gibt es eine Sache, die ich gar nicht leiden kann: Kommen deine feuchten Lippen zu nah an mich ran“, sangen Sebastian Krumbiegel und Kollegen damals. „Küssen verboten, streng verboten.“

Viele Österreicher dürften wieder einen Ohrwurm bekommen: Nachdem der Gesundheitsminister sich zu den Kuss-Regeln geäußert hatte, machte auf Twitter und Co. der Hashtag #küssenverboten die Runde.

Paare haben das Abstandsproblem nicht. Anders geht es denjenigen, die vielleicht gerade jemanden kennengelernt haben oder eine Fernbeziehung führen. Leidet womöglich die Psyche unter dem Kuss-Entzug?

„Beim Küssen öffnen sich nicht nur der Mund, sondern auch das Herz und die Seele“, sagt Melzer. Für viele Menschen sei der Kuss sogar intimer als Geschlechtsverkehr. „Denn mit unserer Steuerzentrale Kopf sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen wir – und erkennen so schnell, wer zu uns passt und wer nicht.“ Das sei auch ein Grund dafür, dass Langzeitpaare mit chronischen Paarproblemen zuerst das Küssen einstellen. „Wenn ich meinen Partner nicht mehr ,riechen' kann, dann fällt auch das Küssen zunehmend schwerer.“

Aber „den Kuss wird es immer geben“, sagt Melzer. „Nur werden wir bewusster mit ihm umgehen.“ Was rar und knapp sei, werde umso begehrenswerter. dpa
© Südwest Presse 19.05.2020 07:45
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