Coronavirus Tourismus

Leere Strände, leere Kassen

Die Touristenmagnete im beliebtesten Urlaubsland der Deutschen sind verwaist, hunderttausende Jobs stehen auf der Kippe. Die Regierung versucht, Einheimische mit einem Bonus zu locken.
  • Ein geschlossener Strand in Ostia, nahe Rom. Seit Montag sind Strände in Italien wieder zugänglich, es gelten aber zahlreiche Regeln. Foto: Alberto Pizzoli/afp
Halbleere Strände, kein lautes Geschrei beim Beach-Volleyball und keine laute Musik, die Badegäste abends zum Aperitif an die Bar lockt: Was für manch einen nach Traumurlaub klingt, ist für die Betreiber von Strandbädern in Italien ein Albtraum.

Die Strandsaison beginnt in Italien traditionell zu Ostern, doch nach dem Totalausfall der ersten zwei Monate wegen der Corona-Pandemie, stellt sich die Tourismusbranche auf ein schwieriges Jahr ein. Strandbadbetreiber müssen voraussichtlich zehn Quadratmeter pro Doppelliege garantieren. Dichte Reihen von Sonnenschirmen ohne Privatsphäre wird es in diesem Jahr nicht geben.

Kein einziger Auslandstourist genoss an Ostern die Blumenpracht des italienischen Frühlings, weder am Strand noch in Touristenmagneten wie Rom und Florenz. Die Leere ließ sogar auf der Piazza Navona in Rom das Gras im Kopfsteinpflaster sprießen. Die Stille spiegelte die Sorgen der Tourismusbranche wider, die 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet und 15 Prozent der Arbeitskräfte beschäftigt.

„Uns stehen sehr schwierige Monate bevor, aber es wird kein Sommer in Quarantäne“, versichert Ministerpräsident Giuseppe Conte. Der auch für Tourismus zuständige Kulturminister Dario Franceschini spricht von „anderen Ferien“ mit Masken und mehr Distanz.

Seit Montag sind nun wieder die Strände zugänglich, es gelten aber zahlreiche Regeln für Besucher. Zwischen den Sonnenschirmen muss ein Mindestabstand von fünf Metern eingehalten werden, „Covid-Manager“ sollen in Strandbädern für Distanz und Hygiene sorgen. Am Eingang von Strandbädern kann auch die Temperatur gemessen werden.

Deutsche sind die wichtigste Gruppe

Bis zu eine halbe Million Arbeitsplätze könnten verlorengehen, wenn die Sommersaison ausfällt wie der Auftakt zu Ostern. Mit einem Urlaubsbonus von 150 Euro für Einzelpersonen und bis zu 500 Euro für Familien will die Regierung die Italiener dazu bewegen, im eigenen Land Urlaub zu machen, um die Verluste auszugleichen. 2018 kam die Hälfte der 128 Millionen Touristen in Italien aus dem Ausland. Mit mehr als 12 Millionen stellten Deutsche die größte Gruppe.

Der Mittelstandsverband CNA schätzt die Verluste der Tourismusindustrie im ersten Halbjahr auf mehr als 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Statt bei 57 Milliarden Euro werde der Umsatz nur bei 16 Milliarden Euro liegen. Der bisherige Jahresumsatz der Branche von mehr als 200 Milliarden wird den Schätzungen zufolge 2020 um 60 Prozent schrumpfen.

Sollten die Grenzen für Urlauber wieder geöffnet werden, dürften auch die Deutschen zurückkehren, meint Roberta Agosti vom Verkehrsverband Bozen. Noch bis zum 3. Juni ist die Einreise nach Italien, also auch in das bei Deutschen besonders beliebte Südtirol, nur aus beruflichen Gründen und in dringenden Notfällen gestattet. Selbst Italiener dürfen sich derzeit nur in der eigenen Region bewegen – von Berufs wegen, um Verwandte zu besuchen oder im Freien Sport zu treiben.

Anfang Juni will das Land seine Grenzen wieder für Touristen öffnen, seit Montag haben Geschäfte wieder offen. Bis dahin hofft Tourismusminister Franceschini auf eine Einigung der EU-Staaten über einheitliche Standards im Umgang mit grenzüberschreitenden Reisen.

Hoteliers in Südtirol stellen sich derweil auf 50 Prozent weniger Buchungen als im vergangenen Jahr ein. Neben Tourismusmagneten wie Bozen gibt es dort noch viele unbekannte Orte abseits der Touristenströme. „Südtirol hat viele Ecken, die weniger gut besucht sind und jetzt die Chance auf mehr Aufmerksamkeit haben“, meint Roberta Agosti. Die Bozner Stadt- und Bergführerin Alessandra Barbierato bezweifelt dagegen, dass in diesem Jahr viele deutsche Touristen kommen. Eine Agentur, für die sie arbeitet, biete keine Führungen mehr an, bis ein Impfstoff gegen das Coronavirus gefunden sei. „Ich sehe keine rosige Zukunft“, sagt die Frau, die Wanderer gewöhnlich mit ihrer Lebenslust ansteckt.
© Südwest Presse 19.05.2020 07:45
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