Interview

„Die Tiere bleiben in der Stadt“

  • Wildtierexperte Derk Ehlert. Foto: privat
Auch in die deutschen Städte scheint die Tierwelt eingedrungen zu sein. Derk Ehlert, Wildtierexperte des Landes Berlin, bekam viele Bürger-Anfragen. Etwa über Füchse auf Schulhöfen. Nur waren die Füchse schon vor Corona in der Stadt.

Hatte die Ruhe denn Einfluss auf die Tiere?

Derk Ehlert: Doch, teilweise schon. Wenn Delfine im Bosporus gesehen werden, dann liegt das daran, dass der Schiffsverkehr zum Erliegen gekommen ist. Und in unseren Flüssen sieht man plötzlich große Fische. Aber die sind nicht plötzlich eingewandert, sondern waren schon vorher da. Nur können wir sie in dem klareren Wasser jetzt besser beobachten.

Eine Neuentdeckung der Natur?

Ich bekomme täglich Anrufe von Kindern und Erwachsenen, die Vögel und andere Tiere melden, weil sie glauben, sie wären ausgesprochen selten. Meistens sind es aber Exemplare, die man eigentlich jeden Tag sehen kann. Nur ist die Aufmerksamkeit viel größer. Ein Junge dachte, er hätte ein ganz seltenes großes Insekt auf dem Balkon gesehen. Es war eine Hummel. Und doch etwas Besonderes. Um diese Zeit sind nämlich nur die Königinnen unterwegs.

Man konnte auch in die Parks oder in den Wald.

Was für die Tiere übrigens mitunter belastend war. Da sind dann doch deutlich mehr Menschen unterwegs gewesen als üblich. Auch an Wochentagen. Manche waren zum ersten Mal im Wald. Üblicherweise halten sich täglich eine Million Menschen in den Berliner Wäldern auf. In der Corona-Spitzenzeit waren es mehr als doppelt so viele.

Stimmt es, dass sich manche Vögel erstmals vernehmen ließen?

Wir wissen, dass Singvögel in der Stadt eine höhere Frequenz benutzen als im Wald. Sie singen auch lauter und fangen früher an, damit sie gegen den Verkehrslärm ankommen. Wenn der Lärm wegfällt, dann singen sie etwas leiser und auch etwas tiefer frequentiert. Das erweckt den Eindruck, es wären es andere Vögel oder mehr als üblich.

War die Aufmerksamkeit für die Natur nur ein Intermezzo?

Das glaube ich eigentlich nicht. Die Tiere bleiben ja weiter in der Stadt und ich denke, dass die neue Sensibilität für sie anhalten wird. Die meisten empfinden Tiere in der Stadt als Bereicherung. Zumindest werden viele die Beobachtung der Tiere in der Pandemiezeit als etwas Besonderes, als etwas Gutes in Erinnerung behalten. André Bochow
© Südwest Presse 19.05.2020 07:45
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