Kommentar Stefan Kegel zur Vorbildfunktion von Politikern

Menschliche Schwächen

  • Stefan Kegel Foto: Thomas Koehler/photothek.net
Die Empörung schwappt jedes Mal hoch, wenn Politiker sich nicht an die Abstandsregeln halten, die sie in der Corona-Krise zum Teil selbst aufgestellt haben. Gesundheitsminister Jens Spahn oder Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow ging es bereits so. Jetzt hat es FDP-Chef Christian Lindner erwischt. Ein Foto zeigt, wie er einen Bekannten zum Abschied umarmt. Häme gibt es in solchen Fällen zuhauf.

Eines zeigen die Beispiele eindrücklich: Auch Politiker sind Menschen, sie haben Gefühle, sie tun Dinge im Überschwang, aus Vergesslichkeit oder: Sie haben sich einen Moment mal nicht im Griff. Wer ihnen daraus einen Strick drehen will, ist entweder ein Roboter oder selbst so fehlerfrei, dass er sich diese Selbst-Erhebung gestatten darf. Dennoch: Politiker haben eine Vorbildfunktion. Das, was sie tun, sehen viele Menschen als Maßstab dessen, was gesellschaftlich opportun ist. Daher ist es das gute Recht – und die Pflicht – der Öffentlichkeit, sie auf Fehler hinzuweisen. Zugleich sollten ihre privaten Schwächen genauso wenig ein Freifahrtschein für eigenes Fehlverhalten sein wie ein Lapsus des eigenen Nachbarn.
© Südwest Presse 19.05.2020 07:45
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