Der hohe Preis des Erfolgs

Olympiateilnehmer sterben deutlich früher als die Durchschnittsbevölkerung. Das wirft drängende Fragen über die Zustände im Leistungssport auf.
  • Leistungssportler am Boden: Große Erfolge wie Olympiasiege werden mit gesundheitlichen Risiken erkauft. Das sagt eine neue Studie aus. Foto: Oliver Weiken/dpa
Olympiasieger sterben früher als „normale“ Menschen. Diese spektakuläre These stützt eine kürzlich veröffentlichte Studie der Hochschule Koblenz über die Sterblichkeitsrate ehemaliger deutscher Top-Athleten der vergangenen 60 Jahre gegenüber der Gesamtbevölkerung. „Jung stirbt, wen die Götter lieben?“ lautet der provokante Titel, den Studienleiter Prof. Dr. Lutz Thieme gewählt hat – und diese Frage kann, angesichts erschreckender Zahlen, mit „Ja“ beantwortet werden.

Die Sterberate ehemaliger Olympiateilnehmer und -sieger aus den Jahren 1956 bis 2016 liegt bis zu einem Zehnfachen höher als in der deutschen Durchschnittsbevölkerung. Zudem stellte sich heraus, „dass der olympische Erfolg ein lineares Risiko für die Überlebenswahrscheinlichkeit darstellt“, erläutert Thieme in seiner Untersuchung. Konkret konnte er nachweisen, dass der Gewinn einer Olympia-Medaille in dieser Zeit die Mortalitätsrate beeinflusst.

Westdeutsche mehr gefährdet

In Jahren und Monaten sei das allerdings nicht seriös darstellbar, sagt Thieme. „Es lassen sich immer nur einzelne Gruppen über einen gewissen Zeitraum betrachten und deren Todeszahlen ins Verhältnis zur Mortalität der Gesamtbevölkerung in denselben Gruppen stellen.“ So lässt sich zum Beispiel aus der Studie ablesen, dass ehemalige westdeutsche Olympiateilnehmer im Alter zwischen 35 und 64 Jahren ein nahezu doppelt so hohes Sterberisiko besitzen wie die gleichaltrige Durchschnittsbevölkerung. Die Sterberate im Osten ist immerhin noch um rund 30 Prozent höher.

Diese erschreckenden Ergebnisse werfen zugleich Fragen über die Ursachen der Übersterblichkeit von Leistungssportlern auf. Schnell könnte man sich dabei auf die Dopingpraktiken in der ehemaligen DDR und dafür besonders anfälliger Disziplinen stützen, allerdings weist der Wissenschaftler ausdrücklich darauf hin, dass sich „Differenzen infolge eines vermuteten stärkeren Dopinggebrauchs in bestimmten Sportarten sowie in der DDR nicht nachweisen“ lassen. Im Gegenteil: Westdeutsche Ex-Athleten haben sogar ein höheres Sterberisiko als die ostdeutschen.

Nicht nur deshalb bezeichnet der Mainzer Sportwissenschaftler Perikles Simon die Studie als „Rohdiamant“ für weiterführende Diskussionen über die Zustände im deutschen Leistungssport – insbesondere in der Zeit vor der Wiedervereinigung. „Dass man eine höhere Sterberate bei den westdeutschen Olympioniken der 70er- und 80er-Jahre sieht, ist bemerkenswert und deutet darauf hin, dass im Westen Doping gesundheitlich stärkere Spuren hinterlassen hat“, sagt der Sportmediziner. Wundern würde ihn das nicht, allerdings nähren die Zahlen seinen Verdacht, dass im Osten zwar systematisch, im Westen aber experimenteller und damit risikoreicher mit verbotenen Substanzen umgegangen wurde. „Daher wäre es jetzt interessant, die noch lebenden Sportler von damals gezielt nach dem genauen Umfang der Dopingmaßnahmen zu befragen“, meint Simon. Mit vielleicht ähnlich überraschenden Ergebnissen.

Hintergründe unklar

Studienleiter Lutz Thieme wünscht sich derweil eine Debatte, die über das Thema Doping hinaus geht. „Unsere Gesellschaft sollte es nicht als selbstverständlich annehmen, dass Erfolge im Leistungssport eventuell auch heute unter Einsatz der Lebenszeit zustande kommen“, so der Sozialwissenschaftler. Deshalb müsse man bei der Ursachenforschung, die seine Studie ausdrücklich nicht leistet, auch nach sozioökonomischen und psychischen Faktoren für die Sterblichkeitsrate schauen: „Vielleicht hat es zum Beispiel Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, wenn ich mir schon in jungen Jahren meinen größten Traum erfüllt habe und weiß, dass ich im Leben danach aber nur noch Durchschnittliches erreiche“, erklärt Thieme.

Die Aussage „Leistungssport ist Mord“ würde Perikles Simon anhand der Studie nicht unterschreiben. „Ein deutlich größeres Mortalitätsrisiko birgt mit Abstand immer noch Übergewicht“, sagt der Wissenschaftler der Uni Mainz. Deshalb würde er die Botschaft der Ergebnisse lieber umkehren: „Stellen Sie sich vor, wie gesundheitsfördernd der Leistungssport vielleicht sein könnte, wenn er ganz ohne Doping auskommen würde.“
© Südwest Presse 19.05.2020 07:45
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