eCall

Kritik am Notruf

Laut ADAC wollen Autohersteller am Leid von Unfallopfern mitverdienen. Daimler und BMW widersprechen energisch.
  • Das eCall-System meldet einen Unfall automatisch. Es lässt sich auch per Knopfdruck auslösen. Fotos: © Palino Spisiak, © dragonetti/shutterstock.com Foto: © Palino Spisiak/shutterstock.com
  • Der automatische Hilferuf Foto: Grafik Peters, Quelle Eigenrecherche
  • Hilfe per Knopfdruck. Foto: © dragonetti/shutterstock.com
Mögen Hühner rote Knöpfe? Möglich. In einem BMW pickte einmal ein Huhn auf den Notrufknopf, der bei einem Unfall die Retter herbeiholt. Es gibt es bei BMW außerdem viele Geschichten über menschliche Insassen, die versehentlich die Verbindung aufbauen oder leicht alkoholisiert eine Pizza bestellen wollen. Dabei ist ein Notruf natürlich dazu da, die Sicherheit der Insassen zu erhöhen. Laut EU-Kommission könnten 2500 Menschenleben jedes Jahr durch den sogenannten eCall gerettet werden – mehr als 25 000 Menschen sterben jedes Jahr im Straßenverkehr in der EU. Das System wird entweder per Knopfdruck ausgelöst oder registriert automatisch einen Unfall und alarmiert die Retter. Seit März 2018 ist eCall in neuen Automodellen vorgeschrieben.

Genau da setzt die Kritik des ADAC an. Der eCall sollte für alle Neufahrzeuge verbindlich vorgeschrieben sein, nicht nur für neue Typgenehmigungen, fordert der Club. Seit Frühjahr 2018 seien nur 25 Fahrzeugmodelle neu zugelassen worden, die überhaupt über ein solches System verfügen müssen, heißt es in der Antwort auf eine kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Daniela Wagner. „Die Durchsetzung in der Breite wird viel zu lange dauern“, argumentiert Wagner. Im VW-Konzern gibt es zudem, wie berichtet, Probleme mit dem eCall-System beim Golf, Audi und Skoda.

Auch beantworteten Hersteller die Notrufe teilweise erst 58 Sekunden nach Auslösen der Airbags, hätten ADAC-Tests ergeben. Anschließend müsse die Position des Autos aus den übertragenen Standortdaten ermittelt werden, um diese schließlich an die Rettungsleitstelle vor Ort weiterzuleiten. Bei einem Unfall gehe dadurch wertvolle Zeit verloren und Übermittlungsfehler drohten.

Weil oft Call-Center der Autobauer anstelle von Rettungsleitstellen alarmiert werden, spricht der ADAC sogar von einem „Trick“: „Die Hersteller wollen quasi monopolartig als Erste über Unfälle Bescheid wissen und erhoffen sich dadurch Zusatzgeschäfte zum Beispiel aus der Organisation des Abschleppdienstes oder der Reparatur des beschädigten Autos.“ Zudem soll es laut ADAC herstellereigene Call-Center im Ausland geben, die bereits um 20 Uhr Schluss machen. Oder es treten Verständigungsprobleme mit Call-Agenten auf. Die Forderung der Grünen-Politikerin Wagner: „Wenn die Bundesregierung den Schutz von Unfallopfern ernst nimmt, dann muss sie hier schleunigst nacharbeiten.“

Verdienen Autohersteller Geld, in dem sie die Gesundheit ihrer Kunden riskieren? BMW und Daimler widersprechen energisch. „Das ist einfach nicht richtig“, heißt es aus München. „Bei unserem intelligenten Notruf wird eine Menge von Informationen übertragen, die bei einer reinen Alarmierung von Rettungsdiensten wegfällt: Wie viele Leute sind an Bord, wie schnell war das Auto vor dem Unfall, sind die Türen geschlossen, die Airbags ausgelöst, gab es Mehrfachkollisionen, liegt das Fahrzeug auf dem Dach?“ Die Informationsweitergabe koste zwar „einige Sekunden“, bringe den Rettern aber wertvolle Informationen und sei deshalb sinnvoller als ein reiner Notfall-Hinweis.

Nach einem Unfall und Abschluss aller Maßnahmen werde Daimler-Nutzern Abschleppservice und Reparatur angeboten. Aber nur, wenn es die Situation erlaube und bei „explizit geäußertem Wunsch des Kunden“, heißt es aus Stuttgart. Die Wahlfreiheit der Werkstatt bestehe jederzeit. Die Technologie informiere die Mercedes-Notrufzentrale in der Regel nach 2 bis 3 Sekunden. Das vorgeschriebene EU-eCall komme aus technischen Gründen gerne mal auf 20 bis 40 Sekunden. Zudem filtere Mercedes Falschalarme heraus und entlaste somit Leitstellen.

Außerdem geben beide Hersteller an, Kunden würden rund um die Uhr an allen Tagen im Jahr mit Mitarbeitern verbunden, die „viele europäische Sprachen“ beherrschten. So könnten Fragen nach dem Vorfall und möglichen Verletzungen gestellt werden – und ob der Notruf nicht versehentlich ausgelöst wurde.
© Südwest Presse 19.05.2020 07:45
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