Energie

Keine Lust auf neue Kunden

Wer einen günstigeren Stromtarif will, wechselt den Anbieter. Das ist eigentlich einfach, klappt aber immer öfter nicht. Warum Versorger die Anträge von Verbrauchern ablehnen.
  • Einstecken nicht erwünscht: Anbieter suchen sich ihre neuen Kunden genau aus. Foto: Oliver Berg/dpa
Nein, danke, wir wollen Sie nicht als neuen Kunden: Rund 20 000 Anträge aus den vergangenen zwei Jahren hat das Portal Wechselpilot ausgewertet, 10 Prozent davon waren abgelehnt worden. Immer häufiger bekommen Kunden, die ihren Stromanbieter wechseln wollen, eine Absage. Ein Schreiben mit dem Inhalt, dass der Vertrag nicht zustande kommt und dem Hinweis, dass die Interessierten auch gar nicht erst bei der Kundenhotline anrufen und nachfragen sollen.

Wechselpilot, ein Portal, das gegen eine Gebühr beim Anbieterwechsel hilft, hat festgestellt, dass die Absagen zunehmen. „Jeder zehnte Vertrag, den wir wechseln wollten, wurde direkt abgelehnt. Und das, obwohl wir als Wechselservice nur im Hintergrund tätig sind“, erklärt Geschäftsführer Maximilian Both. Besonders hoch seien die Ablehnungsraten bei Vattenfall (22 Prozent der Anfragen). Eon liegt laut Wechselpilot bei 11 Prozent, ENBW bei 8 Prozent. Sehr unterdurchschnittlich sei RWE. Dort werden nur 3 Prozent der Verträge verweigert. Auch Stadtwerke zeigten ein ähnliches Verhalten wie die großen Versorger.

Auch die Verbraucherzentrale ist auf die Vorgänge aufmerksam geworden. „Wir beobachten, dass Kunden, die relativ wenig Strom verbrauchen – so um die 1500 Kilowattstunden im Jahr – oder Interessierte, die regelmäßig ihren Anbieter wechseln, häufig abgelehnt werden.“

Für die Unternehmen sind Kunden, die so eine Art Vertragshopping betreiben und jedes Jahr den Anbieter wechseln, nicht attraktiv. Denn das erste Jahr ist wirtschaftlich uninteressant, weil die Boni zu Buche schlagen. Die wiederum werden angeboten, um Kunden zu locken und in Vergleichsportalen möglichst weit oben bei den günstigen Angeboten aufgeführt zu werden.

Die Versorger geben andere Gründe für Ablehnungen an. Schlechte Bonität zum Beispiel oder Fehler bei der Dateneingabe. Außerdem ist auch hinderlich, wenn der alte Vertrag noch aktiv ist und die Laufzeit noch nicht beendet ist.

Die Verbraucherschützer fragen sich inzwischen, wie die Unternehmen an Daten über die Antragsteller kommen – um zum Beispiel Vertraghopper oder Geringverbraucher zu identifizieren. „Das ist für uns eine Black Box. Es gibt so eine Art Dreieck aus Netzbetreiber, altem und neuem Stromlieferanten. Dazu kommen noch die Portale. Wir haben den Eindruck, dass hier gewisse Daten ausgetauscht werden, können es aber nicht wirklich beweisen.“ Eine Weitergabe der Daten wäre grundsätzlich problematisch. „Laut Datenschutzgrundverordnung muss ein Unternehmen das Einverständnis des Kunden einholen, wenn es Daten an ein anderes weitergeben will“, sagt Scheibenberger. An Daten kommen Anbieter auch durch die Kunden selbst. Denn oft ist schwer zu erkennen, dass verschiedene Marken- und Produktnamen zu einem Unternehmen gehören. Es kann also sein, dass ein Kunde beim gleichen Unternehmen ein neues Angebot wahrnehmen will, ohne es zu wissen. „Es ist oft schwierig, die Verflechtungen zu durchschauen“, sagt Scheibenberger.

Wehren kann sich ein Kunde gegen die Absage eines Anbieters übrigens nicht. „Es gilt die Vertragsfreiheit. Ein Stromanbieter kann nicht dazu gezwungen werden, einen Kunden anzunehmen“, sagt Scheibenberger.

Zu einer Versorgungslücke kann eine Ablehnung durch den neuen Versorger übrigens nicht führen. Sollte ein alter Vertrag auslaufen und ein neuer nicht zustande kommen, übernimmt automatisch der Grundversorger. Das ist der Stromlieferant, der im betreffenden Netzabschnitt die meisten Haushalte beliefert.

Allerdings ist die Grundversorgung meist teuer. Und auch bei alten Anbieter zu bleiben und dort bei Kündigungsfristablauf ein weiteres Jahr gebunden zu sein, ist oft eine schlechte Lösung für die Kunden – denn die hatten ja eigentlich günstigere Möglichkeiten gefunden.
© Südwest Presse 19.05.2020 07:45
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