Staatsgalerie Stuttgart

Avantgarde auf Papier

„Drucksache Bauhaus“ zeigt wichtige grafische Mappen der Hochschule für Gestaltung – und erkundet ihre schwäbischen Wurzeln.
  • Oskar Schlemmers „Tänzerin“ (1922/23) entstand zu Bauhaus-Zeiten. Foto: Staatsgalerie Stuttgart/Graphische Sammlung
Gefühlt kommt die Ausstellung „Drucksache Bauhaus“ in der Staatsgalerie Stuttgart ein Jahr zu spät, die Welt feierte bereits 2019 die Gründung der wichtigen Gestalterschule vor 100 Jahren. Tatsächlich startet die Schau durch die Corona-Zwangspause nur zwei Monate später, in einem Museum, das durch die Hygieneauflagen eine Einbahnstraße geworden ist: Wer die Dauerausstellung erkunden will, muss einem festgelegten Pfad folgen, der von rot umrandeten Pfeilen an den Wänden und auf dem Boden gekennzeichnet ist.

Der Weg zu „Drucksache Bauhaus“ im Stirling-Saal ist allerdings kurz und einfach. Die sehenswerte Ausstellung behandelt anhand von Exponaten aus der eigenen Sammlung ein kurzes Kapitel der Bauhaus-Geschichte. Nach dessen Gründung 1919 in Weimar nahm die Druckwerkstatt als erste den Betrieb auf, Mit dem Umzug nach Dessau im Jahr 1925 wurde diese Abteilung geschlossen. Der Schwerpunkt der Schule hatte sich von der Kunst noch mehr in Richtung Design verschoben.

Die von Corinna Höper, der Leiterin der Graphischen Sammlung, kuratierte Ausstellung beginnt aber in Stuttgart: Ein Prolog erzählt, wie Akademie-Professor Adolf Hölzel (1853-1934) Impulse zur Entwicklung der Moderne gab und einige spätere Bauhäusler formte, allen voran Johannes Itten (1888-1967), von 1919 bis 1923 „Lehrender Meister“ in Weimar, und Oskar Schlemmer (1888-1943), der von 1920 bis 1929 in Weimar und Dessau wirkte und das Logo der Hochschule entwarf.

Im Zentrum von „Drucksache Bauhaus“ stehen die vier Mappen des Projekts „Bauhaus-Drucke. Neue Europaeische Graphik“, die einen faszinierenden Überblick über die künstlerische Avantgarde der 20er Jahre bieten, aber auch deren Widersprüche dokumentieren. Das zeigt schon die erste Mappe, deren Blätter von Bauhaus-Meistern stammen. Während Lyonel Feininger seine geometrisch-kristallinen Formen in Holzschnitten präzise ausformuliert, nutzt Johannes Itten, Anhänger der esoterischen Glaubenslehre Mazdaznan, eine Lithografie für einen Gruß an die „Herzen, welche von dem Licht der Liebe erleuchtet“ sind.

Die stilistische Vielfalt zeichnet auch die anderen Mappen aus, die mit ihrer europäischen Orientierung auch ein Zeichen der Versöhnung sein sollten. Die dritte Mappe (die zweite wurde nie realisiert) versammelt deutsche Meister wie Willi Baumeister (noch ein Hölzel-Schüler), Kurt Schwitters oder – posthum – August Macke und Franz Marc. Die vierte Mappe mit Italienern und Russen spannt den Bogen von einer flirrenden „Komposition“ Wassily Kandinskys bis hin zum einer neoklassizistischen Darstellung von Giorgio de Chirico. Mappe fünf, bestritten von deutschen Künstlern, bewegt sich zwischen „Brücke“-Expressionismus und Neuer Sachlichkeit. Abgerundet wird „Drucksache Bauhaus“ von Einzelwerken der Bauhäusler, unter anderem von Paul Klee, und Mappen einiger Meister.

Ida Kerkovius und die Farben

Ein – wenngleich historisch bedingtes – Manko von „Drucksache Bauhaus“ ist die Fixierung auf männliche Künstler: Im Weimar (und später in Dessau) mussten Frauen hart um Anerkennung kämpfen und prallten doch am Block der stolzen Meister ab. Deswegen ist die im Graphik-Kabinett gezeigte Schau „Ida Kerkovius: Die ganze Welt ist Farbe“ nicht nur eine Ergänzung, sondern ein Korrektiv. Die Malerin und Bildteppichweberin Kerkovius (1879-1970) war Meisterschülerin und später Assistentin bei Adolf Hölzel in Stuttgart, studierte aber ab 1920 auch noch am Bauhaus, wo sie die „despotischen“ Unterrichtsstunden ihres früheren Stuttgarter Schülers Johannes Itten erlebte – und die Kurse bei Walter Gropius als besonders „ekelig“ empfand.

Doch der Einfluss des Bauhauses auf ihre eigene Kunst blieb begrenzt, stärker noch spricht aus ihren Bildern die wilde Farbigkeit von Henri Matisse. Die „Kerko“, die bis zu ihrem Tod in Stuttgart lebte, entschied sich nie für einen Stil, abstrakte Kompositionen gehörten ebenso zu ihren Repertoire wie fast kindlich anmutende Landschaftsbilder, immer in kräftigen Farben. „In der Farbe ist sie uns allen überlegen“, würdigte sie Willi Baumeister. Eine Begegnung mit einer unterschätzten Frau der deutschen Moderne.
© Südwest Presse 22.05.2020 07:45
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