Poesie

Wörter sammeln für die Ewigkeit

Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach holt seine große Ausstellung „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“ nach: Masken, Handschuhe und auch ein „Corona“-Gedicht.
  • Postkarte mit Hölderlin-Briefmarke, die Paul Celan nicht mehr erreichte: Johannes Poethen, Margarethe Hannsmann und Rose Ausländer grüßten ihn im April 1970 aus der Ausstellung im Schiller-Nationalmuseum. Foto: DLA Marbach Foto: DLA Marbach
  • Hölderlins Poesie ist in Marbach zu erkunden. Foto: Chris Korner
Handschuhe in verschiedenen Größen werden an der Kasse verteilt. Eine Maske hat man in diesen Corona-Zeiten sowieso dabei. Das Literaturmuseum der Moderne aber spornt die Besucher an: „Stellen Sie sich vor, diese Utensilien würden Ihnen dabei helfen, Gedichte zu lesen.“ Nun ja, Fantasie ist eine nützliche Eigenschaft bei der Lektüre. Und kostbare Manuskripte, die keiner berühren darf, sind sowieso der Schatz des Marbacher Archivs.

Aber sie war anderes konzipiert gewesen, feierlicher, diese Ausstellung zum 250. Geburtstag des Dichters Friedrich Hölderlin. Am 19. März hätte Frank-Walter Steinmeier sie eröffnen sollen, nun machte Marbach am Wochenende wieder auf, mit „distant visiting“ und einer Videobotschaft des Bundespräsidenten. Der kennt seinen Hölderlin gut und zitiert zeitgemäß die „Patmos“-Hymne: „Wo aber Gefahr ist, wächst/ Das Rettende auch“.

Steinmeier erinnert zudem daran, „wie sehr Kunst und Kultur buchstäblich Lebensmittel sind, ohne die wir nicht sein wollen und nicht sein können“. Und er stellt fest, dass Kultur ihrem Wesen nach etwas sei, das nicht einfach frei Haus geliefert werde. Man müsse sich aufmachen, nur dann könne die Kultur „uns auch selbst wirklich bewegen“. Das trifft selbst auf einen Besuch in Marbach zu, wo man selten gemeinschaftlich bespaßt wird, sondern streng als Leser gefordert ist – was freilich ungemein anregend sein kann.

Also los, nicht ins Offene, aber inein mit Sicherheitsausrüstung: „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“ heißt die Ausstellung. Sie geht der Sache sinnlich auf den Grund. Wie wirkt ein Hölderlin-Gedicht, wenn es zerlegt wird, wenn es Buchstabe für Buchstabe mit den Fingern abgetastet werden kann, wenn wir die Wörter, Silben und Vokale zählen, wenn wir es in den Handschriften lesen und erfahren?

Kuratorin Heike Gfrereis stellt solche Fragen. Sie hat sich vor allem das Gedicht „Hälfte des Lebens“ (1804) vorgenommen – Hölderlins heute bekanntestes. Was auch daran liegen könnte, dass der in Lauffen geborene und im Turm in Tübingen gestorbene Schwabe (1770-1843) eher episch ausfloss. Sein längstes Gedicht, „Emilie vor ihrem Brauttag“, hat 82 Strophen und 674 Verse. Im Durchschnitt, so Gfrereis, sind seine Gedichte sechs Strophen und 36 Verse lang, weshalb diese gerne auf „schöne Stellen“ reduziert und spätestens durch ihre Leser „fragmentisiert“ würden. Man kann auch sagen: Wer vermag schon ganze Hölderlin-Gedichte auswendig aufzusagen?

„Hälfte des Lebens“ lohnte sich allemal, und es ist machbar. Wer es nicht draufhat, geht das nach der inspirierenden Ausstellung sofort an. „Mit gelben Birnen hänget/ Und voll mit wilden Rosen/ Das Land in den See,/ Ihr holden Schwäne,/ Und trunken von Küssen/ tunkt ihr das Haupt/ Ins heilignüchterne Wasser . . .“

Es sind nur insgesamt 36 Wörter. Und wer sich im Literaturmuseum eine Papiertüte schnappt, kann sie einsammeln: auf einzelnen Karten mit weiteren Informationen. „Küsse“ etwa: „Fünfmal wird bei Hölderlin mehr als ein Kuss geschenkt, zweimal davon sind es Götterküsse, 17-mal ist der Kuss einmalig, z.B. als Mutterkuss, mütterlicher Kuss, Bruderkuss . . .“ Oder das zusammengesetzte Wort „heilignüchtern“ – absolut einmalig bei Hölderlin, wobei bei ihm „heilig“ allein 207-mal vorkommt. Heilig sind ihm unter anderem das Mondlicht, der Schlaf oder die Wolken.

So schaut, liest und sammelt der Besucher. Der Parcours ist nicht einfach. Stationen sind ein Raum, in dem man die Vokale, Konsonanten oder Satzzeichen von „Hälfte des Lebens“ zum Klingen bringen kann. In einem anderen Raum hängen Gedichtabschriften, chronologisch nach Hölderlins Biografie. Dann geht es aber auch in die Dauerstellung, wo Hölderlin-Zitate aus dem Archiv und der Bibliothek aufbereitet sind, der Schwerpunkt sind Paul Celans Lesespuren.

Zwischendurch taucht das Open-Space-Projekt „Narrating Africa“ auf, und nachdem der Besucher das berühmte Hölderlin-Pastell von Franz Carl Hiemer passiert hat, kommt einem eine weitere, überraschende Ausstellung in die Quere: über das schwäbische Dichter-Quartett Schiller, Mörike, Kerner und noch einmal Hölderlin (ein Auswärtsspiel, weil nebenan das Schiller-Nationalmuseum neu konzipiert wird). Also es empfiehlt sich der Blick ins Museumsfaltblatt: „so gehts rund“.

Was das alles mit Paul Celan (1920-1970) zu tun hat? Hölderlin habe wie kein zweiter deutschsprachiger Dichter das Bild geprägt, das wir bis heute von der Poesie haben: „ein dunkles, nicht ganz verständliches, aber schönes und berührendes Sprechen eines Ichs im Ausnahmezustand“. Celan, der Schöpfer der „Todesfuge“, knüpfte im 20. Jahrhundert daran an: „Die Poesie wird ihm ein existenzielles Anliegen, das, um sich angemessen auszusprechen, höchst artifiziell und in Teilen hermetisch ist.“ Vor allem aber war Celan ein großer Hölderlin-Leser, wie etwa sein Gedicht „Tübingen, Jänner“ (1961) unterstreicht.

Kein Virus, sondern ein Sternbild

Nelly Sachs bezeichnete Celan „als den Hölderlin unserer Zeit“. Als sich der aus Czernowitz stammende Sohn jüdischer Eltern, die durch nationalsozialistische Gewalt umgekommen waren, am 20. April 1970 in Paris in die Seine stürzte, um sich das Leben zu nehmen, fand man auf seinem Schreibtisch die aufgeschlagene Hölderlin-Biografie Wilhelm Michels. Und jene Postkarte ist zu sehen, die Johannes Poethen, Margarethe Hannsmann und Rose Ausländer dem verehrten Celan nach Paris schicken, die ihn allerdings nicht mehr erreichte. Sie hatten die Ausstellung zum 200. Geburtstag Hölderlins im Schiller-Nationalmuseum besucht: „Wir sind wieder mal zu Hölderlin gegangen.“

Dass lässt sich auch jetzt in Marbach tun, mit Maske und Handschuhen. Man stößt dabei auf das „Corona“-Gedicht Paul Celans, das jedoch nichts mit dem Virus zu tun hat, sondern mit Liebe, und das er 1948 in Wien für Ingeborg Bachmann schrieb. „Es ist Zeit, dass es Zeit wird./ Es ist Zeit.“ Damals bezeichnete das lateinische Wort für „Kranz, Krone“ zum Beispiel ein Sternbild, in das der Weingott Dionysos seine Geliebte Ariadne nach deren Tod verwandelt hat. Die Sprachen der Poesie: Es geht um jedes Wort.
© Südwest Presse 25.05.2020 07:45
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