Von Inflation kaum eine Spur

Mit sehr viel Geld versucht die Europäische Zentralbank, die Wirtschaft zu stützen. Warum steigen trotzdem die Preise kaum? Eine Spurensuche.
  • Eine hohe Inflation, die manche befürchten, ist in Deutschland nicht in Sicht. Foto: MONTAGE SCHERER / ©xtock/shutterstock.com
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Hyperinflation ist eine der großen Ängste der Bundesbürger. Dabei haben die wenigsten einen so massiven Preisverfall erlebt, der ihnen binnen kürzester Zeit die Ersparnisse raubt: Den letzten gab es 1923 als eine Spätfolge des Ersten Weltkriegs. Trotzdem ist die Sorge in Deutschland viel größer als in anderen Euro-Ländern, dass die unglaublichen Summen, mit denen sich die Staaten und die Europäische Zentralbank (EZB) gegen die dramatischen Folgen der Corona-Pandemie stemmen, eine galoppierende Inflation auslösen werden. Das wäre ein scheinbar eleganter Weg für die Staaten, sich ihrer rasch steigenden Verschuldung zu entledigen, befürchtet mancher.

Doch in der Realität sieht es eher so aus, als sei das Inflationsgespenst besiegt: Es gibt kaum Inflation. Im April war der Lebenshaltungsindex des Statistischen Bundesamts für Privathaushalte ganze 0,9 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Im März lag die Preissteigerung noch bei 1,4 Prozent. Für das ganze Jahr rechnen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten nur mit 0,6 Prozent und im nächsten Jahr mit 1,2 Prozent. Auch im ganzen Euro-Raum liegt die Preissteigerung unter der Marke von knapp zwei Prozent, die sich die EZB als Ziel ihrer Anleihekäufe gesetzt hat.

Fast unbeschränkt flutete sie die Märkte mit neuem Geld. Heutzutage drucken es die Zentralbanken aber nicht mehr im physischen Sinn. Das passiert alles digital und mit atemberaubendem Tempo. Eigentlich müsste diese Geldvermehrung früher oder später zu steigender Inflation führen, war lange eine Theorie der Volkswirte. Doch die alten Lehrbücher stimmen nicht mehr, sagt Geraldine Dany-Knedlik vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin: „Wir leben in einer neu-kapitalistischen Welt.“ Weil in der die Nachfrage nach Gütern viel wichtiger ist als das Angebot, spielt der Preis eine viel größere Rolle als früher.

Unbegründete Sorgen

Drei Gründe nennt auch Markus Demary vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln dafür, dass die Inflationssorgen unbegründet sind. Zum ersten sind die Umsätze vieler Firmen durch den Shutdown eingebrochen, ihnen drohen hohe Verluste. Mancher Friseur mag die Preise erhöhen, um den Mehraufwand für die Desinfektion wieder hereinzuholen. Aber die meisten Unternehmen sind froh, wenn sie es überhaupt schaffen, Gehälter, bestellte Waren und Zinsen zu bezahlen. Bestes Beispiel ist der Textileinzelhandel, der nur mit Rabatten seine großen Bestände an Frühjahrsmode loswerden kann. Von wegen Preiserhöhungen. Weil an Investitionen nicht zu denken ist, fehlt die Nachfrage nach Investitionsgütern. Unterm Strich stagnieren die Preise.

Zum zweiten schwächelt auch die Nachfrage der privaten Haushalte. Was sie in den letzten Monaten beim Friseur, im Restaurant oder auf dem Fußballplatz nicht ausgegeben haben, können sie auch nicht nachholen. Vielen fehlt gar aufgrund von Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit das Geld, um zu konsumieren.

Dazu kommt zum dritten der Verfall des Ölpreises. Denn durch die weltweite Rezession hat der Verbrauch deutlich abgenommen. Auch die Rivalität zwischen Russland und Saudi Arabien spielte eine Rolle. Die beiden Länder konnten sich nicht einigen, die Förderung zu drosseln. Inzwischen haben sie sich zwar über eine Drosselung verständigt, aber bei weitem nicht genug.

Die Lage auf dem Ölmarkt kann sich zwar rasch wieder ändern, wie das Auf und Ab der vergangenen Jahren zeigt. Aber wenn es langfristig weniger Dienstreisen gibt und Arbeitnehmer auf Dauer im Homeoffice arbeiten, könnte dauerhaft Druck auf den Benzinpreis entstehen. Die EZB und die Euro-Staaten können die Ölpreise nicht beeinflussen. Ähnlich sieht es bei Obst und Gemüse aus, die in den letzten Wochen erheblich teurer geworden sind. Ein Grund: Das Angebot ist knapp, weil nicht so viele osteuropäische Erntehelfer im Einsatz sind wie früher. Weil beide Inflationsquellen unberechenbar sind, greifen Volkswirte gern auf die „Kerninflation“ zurück, bei der diese nicht berücksichtigt werden. Doch auch die liegt europaweit nur bei etwa einem Prozent.

Daher ist sich Demary mit vielen Konjunkturforschern einig: Vorerst ist ein Anstieg der Inflation nicht wahrscheinlich. „Vielmehr könnte Corona uns in eine Deflation führen“, also zu fallenden Preisen. Wenn Unternehmen und Konsumenten erwarten, dass Waren und Dienstleistungen immer billiger werden, schieben sie viele Ausgaben auf. Das ist der große Schrecken der EZB, die mit ihren Maßnahmen alles zu tun versucht, um die drohende Abwärtsspirale zu verhindern.

Doch das will ihr trotz der riesigen Aufkaufprogramme für Staats- und zuletzt auch Unternehmensanleihen nicht so recht gelingen, auch wenn sich schlecht sagen lässt, ob das Problem ohne diese Eingriffe noch größer wäre. Jedenfalls sieht die DIW-Forscherin Dany-Knedlik die EZB in einer Falle: Weil sie ständig ihr Ziel von rund zwei Prozent Inflation verfehlt, das sie schon vor Corona verfolgte, nagt das an ihrer Glaubwürdigkeit. Die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte schon eingestanden, dass die Zentralbank ihre Strategie Bürgern besser erklären muss. Doch das ist jetzt wegen der Pandemie erst mal verschoben.

Vermögen kaum berücksichtigt

Aber bildet die amtliche Inflationsrate die Preissteigerung überhaupt richtig ab? Mancher argwöhnt, sie sei viel höher, weil die Vermögen unzureichend berücksichtigt werden. Immobilienpreise sind viel schneller gestiegen als die Inflation. Auf die Mieten schlägt das nur mit Zeitverzug durch. Aktien sind ebenso kräftig teurer geworden wie Gold oder Kunstwerke. „Es macht wenig Sinn, Vermögenswerte zu berücksichtigen“, sagt Silke Tober vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK).

Es spricht also wenig dafür, dass das Inflationsgespenst auf absehbare Zeit zurückkehrt. Wie lange die Corona-Krise die Weltwirtschaft bremst, steht ebenso in den Sternen wie die Entwicklung der Preise.
© Südwest Presse 25.05.2020 07:45
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