Interview

„Schon das Risiko ist Gift“

  • Silke Tober vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) Foto: IMK
Ein Schuldenschnitt in Europa muss unbedingt verhindert werden, sagt Silke Tober vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung.

Mehrere Euro-Staaten wie Italien waren schon vor der Corona-Krise hoch verschuldet. Das wächst jetzt rapide. Wie problematisch ist das?

Silke Tober: Die Corona-Krise ist ein massiver Schock für die Wirtschaft. Es steht außer Zweifel, dass die Staatsschuldenquoten vorübergehend deutlich steigen. Das liegt zum einen an den konjunkturbedingten Mindereinnahmen und Mehrausgaben der Staaten, die als automatische Stabilisatoren wirken. Zum anderen stützen sie die Wirtschaft mit Soforthilfen und Krediten.

Besteht nicht die Gefahr, dass einzelne Staaten überfordert werden?

Ja. Aber für Zusammenhalt und Stabilität des Euro-Raums ist es zentral, dass es zu keinen Schuldenschnitten kommt. Schon das Risiko ist Gift für die Konjunktur. Es war entscheidend dafür, dass die Euro-Krise so tief und langwierig war. Vor Corona steckte der Euro-Raum immer noch in der Erholungsphase, trotz der jahrelangen Nullzinspolitik der EZB.

Warum wäre eine Staatspleite in Europa problematisch?

Mit dem Risiko eines Schuldenschnitts wird ein Teufelskreis in Gang gesetzt: Höhere Risikoprämien für Kredite verschlechtern die Finanzlage des Staates und erhöhen die Finanzierungskosten im ganzen Land. Dadurch ist nicht nur der Staat weniger handlungsfähig. Auch die privaten Investitionen werden ausgebremst. Das Bankensystem leidet, die schwächere Konjunktur erhöht das Risiko eines Schuldenschnitts.

Die anderen Länder müssen interessiert sein, dass es nicht so kommt?

Genau. Denn die Wirtschaften des Euro-Raums sind eng miteinander verflochten. Die deutsche Wirtschaft kann sich nur dann zügig von der aktuellen Krise erholen, wenn es dem Euro-Raum insgesamt gelingt, einen Aufschwung in Gang zu setzen. Das Risiko eines Schuldenschnitts würde die Möglichkeit einer Erholung deutlich verringern.

Wie lässt sich eine erneute Schuldenkrise am besten verhindern?

Ein Schritt in die richtige Richtung ist der aktuelle deutsch-französische Vorschlag, dass die EU-Kommission 500 Milliarden Euro aufnimmt und an Regionen verteilt, die besonders stark von der Krise betroffen sind. Je mehr gerade jetzt Schulden gemeinsam aufgenommen werden, desto besser sind die Voraussetzung einer Erholung im Euro-Raum. dik
© Südwest Presse 25.05.2020 07:45
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