Pilzgericht statt Rindersteak

Tübinger Wissenschaftler arbeiten an einer völlig neuen Strategie für die Welternährung. Sie wollen Eiweiße ohne Tierhaltung und Pflanzenbau herstellen.
  • Tübinger Forscher wollen von Tierfleisch als Quelle für Eiweiße wegkommen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Eine ausreichende Eiweißernährung der Menschheit auch in Zukunft braucht ein radikal neues Konzept. Davon ist ein Forscherteam der Universität Tübingen um den Umweltbiotechnologen Professor Lars Angenent überzeugt. Der Forschungsbeitrag des Teams dazu ist, Eiweiße ohne Tierhaltung und Pflanzenbau herzustellen, teilte die Universität Tübingen mit. Proteine sind ein Hauptnährstoff des Körpers, wie auch Kohlenhydrate und Fette. Sie werden unter anderem benötigt für den Aufbau und Erhalt von Muskeln und als Bestandteil von Hormonen und Enzymen.

Für das Gesamtprojekt sei unabdingbar, Landwirte wirtschaftlich zu stärken, damit sie sich auf die nachhaltige Produktion von Weizen, Gemüse, Obst, Nüssen und proteinersetzenden Produkten konzentrieren können und zugleich die Natur schützen. Das Ergebnis soll eine für alle bezahlbare gute Ernährung sein.

Neue Produktionsabläufe nötig

Das aber erfordere eine Strategie mit völlig anderen Produktionsabläufen als bisher, erläutern die Forscher. Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft brauche die Menschheit unter anderem mehr Möglichkeiten zur Erzeugung erneuerbarer Energie und eine Infrastruktur zum Einfangen und Speichern von Kohlendioxid – dem Gas, das heute eher als schädliches Abfallprodukt bekannt ist, sagte Angenent. Energie und Kohlendioxid würden gebraucht, um das für die Ernährung unersetzliche Eiweiß herzustellen – ohne Massentierhaltung, die immense Ressourcen an Wasser und Nährstoffen verschlinge und schwerwiegende Umweltprobleme verursache.

Noch existiert das Projekt der Tübinger Forscher nur als Theorie. Doch ihr Ziel „Power-to-Protein“ – die Synthetisierung von Proteinen durch Energieeinsatz – soll schließlich in eine industrielle Proteinerzeugung münden.

In dem jetzt in der Fachzeitschrift „Joule“ veröffentlichten Artikel erläutert das Tübinger Team, dass elektrochemische und biotechnologische Verfahren in Kombination erhebliche Proteinmengen für die menschliche Versorgung liefern könnten. Dazu sei vergleichsweise wenig Energie nötig, wenn man sich die Fähigkeiten von Hefen und Pilzen zunutze mache. Die können nämlich im Gegensatz zum Menschen Proteine selbst synthetisieren aus Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff.

Das Tübinger Team hat nun elektrochemische und biologische Prozesse so verkettet, dass Eiweiß ohne Lichtenergie und ohne den Einsatz gentechnisch veränderter Mikroben entsteht. Mit Strom aus erneuerbarer Energie wurde Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Bestimmte Bakterien können dann den gewonnenen Wasserstoff so einsetzen, dass sie daraus Energie freibekommen, um aus Kohlendioxid und Ammoniak Proteinbausteine zu bilden. Das nutzen Proteinproduzenten wie Hefe und manche Pilze, die dann vom Menschen als Eiweißquelle direkt verzehrt werden können.

Die Grundidee stamme schon aus den 1960er-Jahren, sagte Angenent. Forscher hätten damals überlegt, wie aus Ausscheidungen des Menschen, die Kohlendioxid und Ammoniak enthalten, Proteine hergestellt werden könnten. „Dort ging es um eine geschlossene Kreislaufwirtschaft im kleinen Maßstab, um Menschen auf eine lange Raumfahrtmission zu schicken.“ Susanne Müller, epd
© Südwest Presse 25.05.2020 07:45
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