Corona-Boom der Kochboxen

Zutaten und Rezepte in einem Paket: Die Zahl der Kunden von Unternehmen wie Hellofresh steigt rasant. Auch Supermärkte steigen in das Geschäft ein.
  • Hellofresh und andere Anbieter von Kochboxen buhlen um die Gunst der Verbraucher. Foto: HelloFresh GmbH/dpa
Man kann mit den Sinnen in die Karibik reisen, wenn es in der Corona-Wirklichkeit schon nicht möglich ist. Mit einem karibischen Süßkartoffel-Kokos-Eintopf vielleicht, der unter anderem aus Bananen, schwarzen Bohnen, Paprika und Kokosmilch besteht. Oder gegen den Stress im Homeoffice mal wieder etwas Deftiges wie ein knuspriges Kräuterschnitzel mit Ofenkartoffeln und grünem Salat mit Radieschen genießen.

Wer sich für eine Kochbox von einem der Anbieter wie Marleyspoon, Hellofresh oder Kochhaus entscheidet, bekommt einen Großteil der Zutaten und die Rezepte für mehrere Mahlzeiten direkt ins Haus geliefert. Nur wenige Grundzutaten wie Salz oder Öl muss man selbst zuhause haben. Und Kochen müssen die Kunden der Lieferdienste immer noch selbst.

Hellofresh mit Umsatzrekord

Das allerdings war in den vergangenen Wochen eh angesagt angesichts von geschlossenen Restaurants und Imbissbuden. Viele Deutsche verbringen mehr Zeit zuhause. Die eigenen vier Wände wurden zu dem Ort, an dem mehr gelebt, erlebt, gekocht und gegessen wird. Auch das Einkaufen war und ist immer noch anders. So verwundert es nicht, dass Hellofresh, der größte Lieferant von Kochboxen, einen Rekord vermeldet. Der Umsatz des Berliner Unternehmens Umsatz stieg im ersten Quartal um 66 Prozent auf fast 700 Mio. EUR. Der Gewinn kletterte auf knapp 40 Mio. EUR nach einem Verlust von 46 Mio. EUR im Jahr zuvor. Die Zahl der aktiven Kunden kletterte im Jahresvergleich um mehr als zwei Drittel auf 4,2 Millionen, die Zahl der versendeten Mahlzeiten wuchs noch etwas stärker auf gut 111 Millionen. Das treibt auch den Aktienkurs des 2011 gegründeten Unternehmens in die Höhe.

Eva Stüber, Mitglied der Geschäftsleitung am Institut für Handelsforschung (IFH) Köln, erklärt: „Durch die veränderten Rahmenbedingungen ist bei den Konsumenten und Konsumentinnen eine große Offenheit sowohl bezüglich neuer Einkaufsstätten als auch neuer Angebotsformen wie Kochboxen zu beobachten.“ Ein klarer Treiber des Verhaltens sei Convenience, also Bequemlichkeit. Das führe dazu, dass das bisherige Gewohnheitsverhalten aufgebrochen wird.

Davon wollen auch Supermärkte profitieren. Nachdem Konkurrent Lidl Anfang vergangenen Jahres ein entsprechendes Projekt eingestellt hat, bietet Aldi seit Ende Februar Pakete mit mehreren Zutaten und Rezepten an – derzeit noch „testweise“, wie eine Sprecherin sagt. Sie werden allerdings nicht geliefert, sondern es gibt sie im Discounter zu kaufen. „Die Kochboxen werden von unseren Kundinnen und Kunden bislang sehr gut angenommen“, sagt die Sprecherin. In den vergangenen Wochen habe man eine steigende Nachfrage registriert – allerdings auch bei anderen Warengruppen.

Nicht nur bequeme und kreative Lösungen bei Zutaten und Rezepten sind derzeit gefragt, man braucht auch Geräte, um einfach kochen zu können. „Bei Küchenmaschinen konnten wir während der vergangenen Wochen online eine erhöhte Nachfrage feststellen“, erklärt eine Sprecherin des Haushaltswarenherstellers WMF. Außerdem werden mehr Elektrokleingeräte wie Toaster und Kaffeemaschinen, aber auch Dörr- oder Brotbackautomaten, Mixer und Handrührgeräte nachgefragt.

EHI-Expertin Eva Stüber erwartet jedenfalls, dass die Nachfrage für den Onlinelebensmittelhandel allgemein hoch bleiben wird. „Inwieweit dies auch für Kochboxen im Speziellen zutrifft, ist zurzeit noch nicht abzuleiten.“

Hellofresh ist sich sicher, dass der Boom anhält. In den vergangenen Wochen haben die Bestellungen deutlich zugenommen, sagt Sprecherin Saskia Leisewitz. Und so erwartet das Berliner Unternehmen mittlerweile ein Umsatzplus in diesem Jahr von 40 bis 55 Prozent. Das ist doppelt so viel wie vor der Corona-Krise.
© Südwest Presse 25.05.2020 07:45
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