Hintergrund

Sündenfall Commerzbank

  • Martin Blessing, langjähriger Vorstandschef der Commerzbank. Foto: Arne Dedert/dpa
Aus einer kurzfristigen Rettungsaktion des Staates wird leicht ein dauerhaftes Engagement, das er nicht mehr zu vertretbaren Konditionen los wird – als abschreckendes Beispiel für diese Erfahrung gilt die Commerzbank. An der zweitgrößten deutschen Bank ist der Staat auch nach über einem Jahrzehnt immer noch mit 15,6 Prozent beteiligt, und es sieht nicht so aus, als würde sich das so schnell wieder ändern.

Zumindest die Geschichte des Einstiegs des Bundes erinnert auffällig an den jetzigen Ablauf bei der Lufthansa. 2009 ließ sich nur so eine gewaltige Bankenpleite in Deutschland mitten in der weltweiten Finanzkrise verhindern. Im Bestreben zu wachsen hatte der damalige Bankchef Martin Blessing Ende August 2008 als großes Zukunftsprojekt die Übernahme der Dresdner Bank verkündet – zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt: Zwei Wochen später trat die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers die weltweite Krise los.

Ende des Jahres 2008 übernahm der Staatliche Finanzmarktstabilisierungsfonds (Soffin) eine stille Beteiligung von 8,2 Milliarden Euro – eine riesige Summe, die aber nicht ausreichte. Die Bank brauchte noch einmal so viel Geld, weshalb der Bund wenige Tage darauf 25 Prozent plus einer Aktie an der Commerzbank übernahm. Dadurch wurde er ihr größter Einzelaktionär mit einer Sperrminorität: An ihm vorbei lief nichts. Die Vorstandsbezüge wurden bei 500 000 Euro gedeckelt. Bis heute sitzen zwei Vertreter des Bundes im Aufsichtsrat.

Der Plan war immer, die Beteiligung möglichst bald wieder zu veräußern, aber dabei keinen Verlust zu machen. Genau das war und ist das Problem: Der Bund hat zwar seine Beteiligung auf 15,6 Prozent reduziert. Doch er müsste heute mehr als 25 Euro pro Aktie erzielen, um bei einem Verkauf keine Verluste zu machen. Tatsächlich dümpelt der aktuelle Börsenkurs aber nur um etwa 3,30 Euro herum. Seit Anfang des Jahres ist er um rund 40 Prozent gesunken.

Oppositionspolitiker forderten immer wieder den Ausstieg des Bundes. Der Staat könne nicht gleichzeitig an einer Bank beteiligt sein und alle Banken als neutraler Schiedsrichter beaufsichtigen, kritisierte etwa Florian Toncar von der FDP. „Die Rettung der Commerzbank war ein milliardenschweres Verlustgeschäft“, klagte der Linken-Bundestagsabgeordnete Fabio De Masi schon Anfang des Monats in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Es sei ein schwerer Fehler gewesen, nicht zumindest mehr Einfluss auf die Geschäftspolitik zu nehmen. Dieter Keller
© Südwest Presse 26.05.2020 07:45
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