Leitartikel Roland Müller über die Opferzahlen der Corona-Pandemie

Tödliche Normalität

  • Roland Müller. Foto: Marc Hörger
Freda Ocran, 51, Krankenschwester aus New York mit Begeisterung für Reisen und Wissen – es ist nur ein Name von 1000, die die New York Times am Sonntag auf der Titelseite gedruckt hat. Die viel beachtete Aktion ist ein Versuch, mit den Zahlen der Corona-Opfer wieder Namen und Schicksale zu verbinden. Das ist auch nötig: Nach Monaten der Krise ist eine eigentümliche neue Normalität eingekehrt, in der uns Opferzahlen scheinbar nicht mehr schrecken können.

Die 1000 von der Titelseite sind ja nur ein Bruchteil der fast 100 000 Corona-Toten, die in den USA bisher zu beklagen sind. Weltweit sind offiziell bis jetzt rund 345 000 Menschen dem Virus zum Opfer gefallen. Wenn es am Ende der Pandemie über eine Million wären, es würde niemanden überraschen. Und doch tritt Gewöhnung ein, drängen andere Themen in den Vordergrund: Wie geht es bei Kita-Öffnungen weiter, wer bekommt Staatshilfen, welche Urlaubspläne sind realistisch? Die Toten zu zählen, ist zur kühlen Routine geworden.

Das liegt auch daran, dass Deutschland nicht so stark betroffen ist. Dabei sind 8200 Tote im Vergleich zu den Gefahren, die uns sonst umtreiben, relativ viel: Im Straßenverkehr starben letztes Jahr 3059 Menschen, ermordet wurden 218 (Terrorismus inklusive). Die ständige Warnung vor Zeckenbissen erscheint angesichts von im Schnitt 1,5 FSME-Toten pro Jahr in einem neuen Licht.

Dass wir uns mitten in der Pandemie auch an unerhört hohe Todeszahlen gewöhnen, sagt viel über die menschliche Psyche aus. Mit Abstumpfung oder mangelnder Empathie hat das wenig zu tun, es ist vielmehr ein psychologischer Schutzmechanismus, der einsetzt, wenn aus der akuten Krise eine chronische wird. Für ein Leben in Dauerpanik ist der Mensch nicht geschaffen.

Es sind dramatische, plötzliche Einzelereignisse, die unsere Aufmerksamkeit fesseln. Anschläge wie die vom 11. September oder Naturkatastrophen wie das verheerende Erdbeben 2010 in Haiti wecken Erschrecken und Mitgefühl. Hilfsorganisationen können ein Lied davon singen, wie riesig die Spendenbereitschaft in solchen Fällen ist – und wie schwer es ist, auf schwelende humanitäre Krisen wie etwa im Jemen hinzuweisen.

Dass die Psyche des Menschen sich an allerhand gewöhnt, ist Teil seines evolutionären Erfolgsrezepts und mag teils tröstlich sein, doch es birgt auch eine Gefahr – wenn es uns davon abhält, zu tun, was nötig und richtig ist, weil wir bei akuten Lagen überreagieren und für schleichende Gefahren blind sind. In der Corona-Krise darf die neue Normalität nicht dazu führen, auf ethische Debatten zu verzichten oder für kurzsichtige Interessen buchstäblich über Leichen zu gehen. Zudem darf der eigene Bauchnabel nicht das Maß der Dinge sein: Die entwickelten Länder vor allem in Europa müssen sich der Verantwortung für ärmere Regionen bewusst sein, in denen sowohl die gesundheitlichen als auch die wirtschaftlichen Folgen katastrophal werden dürften.

All das gilt übrigens auch für die andere chronische Krise, die gerne verdrängt wird: den Klimawandel.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 26.05.2020 07:45
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