Serie: Kriegsende vor 75 Jahren

Zum Diktat bei Adolf Hitler

Christa Schroeder war eine von vier „Führersekretärinnen“. Nach dem Krieg saß sie in Ludwigsburg in Internierungshaft. Letztlich wurde sie als „Mitläuferin“ eingestuft – wie viele andere auch.
  • Gäste auf Adolf Hitlers Silvesterparty 1939 im Berghof am Obersalzberg: Die Sekretärin Christa Schroeder steht vorne (zweite von links), rechts neben ihr folgen Eva Braun (Hitlers Geliebte) und dann Hitler selbst. Foto: Schultz Reinhard/picture alliance/prisma
  • In der Flakkaserne betrieben die US-Amerikaner eines von fünf Internierungslagern für NS-Belastete in Ludwigsburg. Foto: Hauptstaatsarchiv Stuttgart
Von 1930 bis 1945 Mitglied der NSDAP, von 1932 bis 1945 Angestellte der Reichsleitung. Ab 1938 Angehörige der NS-Frauenschaft. Zudem Trägerin des Goldenen Ehrenzeichens der NSDAP. Wer die Entnazifizierungs-Akte von Christa Schroeder liest, muss von einer Bilderbuchkarriere im Nationalsozialismus ausgehen. Und in der Tat: Ganz am Ende der Aufzählung steht die eigentliche Funktion der 1908 in Niedersachsen geborenen Stenotypistin: „Sekretärin Adolf Hitlers“.

Hitler hatte vier „Führersekretärinnen“. Die Frauen waren nah an ihm dran, leisteten ihm Gesellschaft beim Tee, harrten in den finalen Wochen der NS-Diktatur mit ihm im Führerbunker aus. Neben Christa Schroeder bildeten Gerda Christian, Traudl Junge und Johanna Wolf das Quartett. Schroeder aber war von allen am längsten dabei. Sie wurde bereits 1930 in München von der NSDAP angestellt – drei Jahre vor der Machtergreifung. Ihre Aufzeichnungen von damals wurden ein Jahr nach ihrem Tod 1985 in Buchform veröffentlicht. Der Titel: „Er war mein Chef“.

Die Akte Schroeder liegt im Staatsarchiv Ludwigsburg. Sie trägt das Aktenzeichen 77/1104, wobei die 77 für das Internierungslager 77 in Ludwigsburg steht. Die Unterlagen sind das, was von der Entnazifizierung übrig blieb, die die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition nach Ende des Zweiten Weltkriegs eingeleitet hatten. Eine halbe Million Akten sind es allein in Ludwigsburg.

In Württemberg-Baden hatte die US-Armee 1945 zehn Internierungslager für NS-Beschuldigte und Systemunterstützer eingerichtet, allein fünf davon im Raum Ludwigsburg. Christa Schroeder war bis zum 10. April 1948 in der ehemaligen Fromannkaserne (Lager 77) in Ludwigsburg interniert. Als „Hauptbeschuldigte“ wurde sie angeklagt, als „Mitläuferin“ entlassen.

Mehr als 13 Millionen Fragebögen

„Die US-Amerikaner gingen bei der Entnazifizierung schematischer vor als zumindest anfänglich die Franzosen“, sagt Christof Strauß, Leiter des Staatsarchivs Freiburg. Der Historiker ist Experte für die Aufarbeitung der NS-Zeit nach dem Krieg. Mit schematisch meint er, dass für die Amerikaner vor allem „formale Belastungskriterien“ wie die SS-Mitgliedschaft oder Ämter in der NSDAP Basis für die Internierung waren. „In der gesamten US-Besatzungszone wurden mehr als 13 Millionen Menschen mit Fragebögen überprüft“, sagt Strauß. Davon wurden etwa 3,5 Millionen als „betroffen“ eingestuft, von denen wiederum 950 000 ein Spruchkammerverfahren durchliefen. Zur US-Zone zählten auch Bayern und Hessen.

Die Franzosen betrieben ebenfalls Internierungslager, in Württemberg-Hohenzollern etwa in Balingen. Sie verfolgten aber zunächst einen anderen Ansatz. „Die Idee war, dass sich die Deutschen selbst politisch reinigen sollten“, sagt Strauß. Hierfür wurden Untersuchungsausschüsse und Reinigungskommissionen unter Beteiligung antifaschistischer Deutscher eingesetzt. Das Problem: „Es gab einen großen Rückstau an Verfahren.“ Und die Sanktionen, die die Kommissionen der Militärregierung empfahl, waren „sehr uneinheitlich“. Rund 150 000 Säuberungsentscheidungen wurden bis zum Frühjahr 1947 in Württemberg-Hohenzollern gefällt, knapp 188 000 waren es in Südbaden.

Anders als bei den Gerichtsprozessen gegen NS-Haupttäter ging es bei der Entnazifizierung um politische Säuberung durch Sühnemaßnahmen. Diese reichten von Aufbauarbeit über politische Betätigungsverbote bis zum Verlust von Pensionsansprüchen. Die dafür in der US-Zone ab 1946 zuständigen Spruchkammern, überwiegend besetzt mit juristischen Laien, standen unter deutscher Regie. Es gab fünf Einstufungen: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer, Entlastete.

In der gesamten US-Zone wurden letztlich nur 1654 Personen zu Hauptschuldigen erklärt, rund 22 000 zu Belasteten. In der französischen Zone war das Verhältnis nicht besser. Beispiel Württemberg-Hohenzollern: Gerade mal 8 Hauptschuldige, 80 Belastete und 3481 Minderbelastete waren die Bilanz. Der große Teil kam als Mitläufer oder unbelastet raus. Ein Problem waren „Persilscheine“ – fragwürdige Zeugenaussagen, mit denen sich Beschuldigte von der mörderischen Nazi-Ideologie reinwaschen ließen. Ab 1949 wurden die Spruchkammern abgewickelt. Heute ist oft von „Mitläuferfabriken“ die Rede.

Der Fall Christa Schroeder passt in dieses Schema: Die Akte von Hitlers Sekretärin enthält mehrere „Entlastungszeugnisse“, in denen ihr wahlweise eine „große Hilfsbereitschaft“, eine „tolerante Haltung“ gegenüber Ausländern und Juden oder eine unpolitische Gesinnung bescheinigt wurden. In einer Erklärung einer Rechtsanwältin heißt es zudem, Schroeder habe die Freilassung eines von der Gestapo inhaftierten Notars erreicht und damit dessen Leben gerettet. Und Gerhard Engel, ein Verbindungsoffizier in der Reichskanzlei, schrieb, Schroeder sei ihr als Dame bekannt, „die mehr als einmal schonungslos- und offen, – auch vor Adolf Hitler – die Partei, Parteiführung und Geschehnisse im 3. Reich offen kritisierte und brandmarkte“.

Schroeder selbst äußerte in einem Brief an den „Öffentlichen Ankläger“ des Internierungslagers 77, sie sei der NSDAP nur beigetreten, weil dies von ihr als Angestellte verlangt wurde. Auch sei ihre Tätigkeit nie über die einer Stenotypistin hinausgegangen. Es würden „vollkommen falsche Vorstellungen“ über die Tätigkeit der Führersekretärinnen bestehen. Hitler habe sie nur als Schreibkraft für Briefe und Reden eingesetzt.

Überprüfen ließen sich solche Aussagen kaum, weder in Schroeders Fall, noch in den vielen anderen Verfahren. Ist die Entnazifizierung also gescheitert? Die Antwort darauf fällt dem Historiker Strauß nicht leicht: „Im Endeffekt lief es in beiden Zonen auf dasselbe hinaus: Aufwand und Ertrag standen nicht im richtigen Verhältnis.“ Er sieht aber auch das damalige Dilemma: „Die Zahl der Verfahren war sehr groß“, sagt der Archivleiter. Dies entspreche dem Gedanken, dass die Diktatur – um zu funktionieren – „tief in der Gesellschaft verwurzelt gewesen sein musste“. Um die große Masse zu verfolgen, brauchte man aber Zeit und Personal. Beides gab es nicht: Der Kalte Krieg begann und die Westintegration trat in den Vordergrund. Spruchkammerpersonal hatte es ohnehin nie genügend gegeben, denn die Posten waren eher unbeliebt. „Der Säuberungswille in der deutschen Bevölkerung war gering“, sagt Strauß.

Christa Schroeder wurde in einem ersten „Spruch“ der Spruchkammer vom 8. Dezember 1947 als „Hauptschuldige“ eingestuft und zu drei Jahren Arbeitslager verpflichtet – unter Anrechnung der Internierungshaft. Sie habe der NS-Gewaltherrschaft durch ihre Tätigkeit „außerordentliche Unterstützung gewährt“, steht in der Begründung. Die damals 39-Jährige ging in Berufung, das Ministerium für politische Befreiung Württemberg-Baden ordnete daraufhin ein weiteres Verfahrens an. Am 7. Mai 1948 wurde der neue Spruch gefällt: „Mitläuferin – von Sühnemaßnahmen ist abzusehen.“
© Südwest Presse 26.05.2020 07:45
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