Mordprozess am Landgericht Stuttgart

Wahllos zugestochen

Ein psychisch kranker Stuttgarter ist angeklagt, weil er eine Seniorin offenbar grundlos getötet hat.
  • Das Landgericht Stuttgart verhandelt einen Mord. Foto: Marijan Murat/dpa
Als Renate R. am 9. Dezember 2019 auf Johannes S. trifft, hat sie keine Chance. Wortlos geht der 37-Jährige auf die Seniorin zu und sticht auf sie ein. Es ist ein Sonntagmittag im Stuttgarter Stadtbezirk West. Die 77-Jährige sackt auf offener Straße zusammen, stirbt wenig später im Krankenhaus. Opfer und Täter haben sich zuvor nie gesehen.

Jetzt, gut sechs Monate später, wird S. am Stuttgarter Landgericht der Prozess gemacht. Die Anklage lautet auf Mord. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass S. nur eingeschränkt schuldfähig ist und hält die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus für notwendig. Seit Jahren ist der Angeklagte wegen einer paranoiden Schizophrenie in ärztlicher Behandlung, erlebte Phasen von Verfolgungswahn, hatte Tötungsfantasien gegen sich selbst und andere. Aufgrund seiner Erkrankung seien weitere Taten zu erwarten, so der Staatsanwalt.

Den Mord räumt S. ein, sein Motiv aber bleibt unklar. Frühere Aussagen, er wolle gezielt ältere Menschen umbringen, relativiert er am ersten Prozesstag. So habe er an dem Tag nicht gedacht. Vielmehr habe etwas in ihm gesagt, er müsse jemanden verletzen.

Zu der Zeit leidet der 37-Jährige an Schlafstörungen und Selbstmordgedanken. Am Morgen der Tat will er sich selbst in eine Psychiatrie einweisen lassen. Er wählt den Notruf, wird an ein Krankenhaus verwiesen. Mit gepackter Tasche fährt S. zur Klinik. Doch als ein Psychiater sich seiner annehmen will, sitzt S. nicht mehr im Warteraum.

Der innere Druck sei zu groß geworden, schildert er die Situation. Statt sich helfen zu lassen, fährt er in seine Wohnung, holt ein Küchenmesser, springt auf die Straße – und trifft auf Renate R. „Sie war die erste Person, der ich begegnet bin“, sagt S. Ein reines Zufallsopfer. „Ich hätte auch meine Mutter abgestochen.“ Dass er gleichzeitig beteuert, er habe niemanden töten wollen, gehört zu den Ungereimtheiten seiner Aussage.

Zeugin ist noch heute entsetzt

Während Renate R. auf dem Gehweg zusammenbricht, geht S. in ein nahes Café und bittet die Kellnerin, die Polizei zu rufen. Minuten später lässt er sich festnehmen. Auf die Polizeibeamten wirkt er ruhig und gefasst. Eine Zeugin des Tatgeschehens, die noch versucht hatte, dem sterbenden Opfer zu helfen, zeigt sich mit Blick auf die Teilnahmslosigkeit des Angeklagten noch heute entsetzt: „Ihn hat das gar nicht gekümmert. Er ist einfach weggelaufen.“ Dominique Leibbrand
© Südwest Presse 26.05.2020 07:45
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