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Der neue Run auf Räder

Nach mehreren Wochen Schließung werden viele Fahrradläden nun fast überrannt. Die Branche rechnet mit einem höheren Umsatz als im Vorjahr. Das liegt nicht nur an den Folgen der Corona-Pandemie.
  • Beratung mit Mundschutz und Abstand: In den Fahrradläden herrscht reger Betrieb. Foto: Marijan Murat/dpa
Rund 300 Meter lang war die Kundenschlange neulich, erinnert sich Nathalia Gabler. „Wir haben 40 Prozent mehr zu tun als sonst in der Saison“, sagt die Mitarbeiterin im Fahrradladen Stadtrad im Stuttgarter Westen. Seit einigen Wochen klingelt das Telefon fast ununterbrochen. Das Geschäft, in dem schon seit 40 Jahren Räder verkauft und repariert werden, wird regelrecht überrannt.

Derzeit ist ein wahrer Fahrradboom zu beobachten. In der Krise besinnen sich die Deutschen aufs Zweirad. „Mehr Menschen haben erkannt, was für ein tolles Verkehrsmittel das Fahrrad ist“, stellt Gudrun Zühlke fest, die Landesvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Baden-Württemberg.

ÖPNV wird noch gemieden

Das habe mehrere Gründe. „Viele Menschen meiden derzeit Busse und Bahnen wegen der Ansteckungsgefahr, da ist das Fahrrad für Kurz- und Mittelstrecken eine gute Alternative“, sagt sie. Außerdem sei das Sportangebot eingeschränkt. „Da stürzen sich viele auf die wenigen Sportarten, die erlaubt sind, also auch das Radfahren.“ Zum einen als Freizeitbeschäftigung, zum anderen ließen sich damit alltägliche Wege mit Bewegung verbinden.

Warum so viele neue Räder gekauft werden, erklärt Zühlke so: Zwar habe statistisch jeder Deutsche bereits ein Fahrrad im Keller. Das sei nun bei manchen nach Jahren wieder hervorgeholt worden und viele hätten erlebt, wie schön das Radfahren sei, gerade in solch verkehrsarmen Zeiten. „Manche wollen nun weiter Rad fahren und sind mit dem alten Rad nun nicht mehr zufrieden.“

Was den Fahrradhandel natürlich freut. Der hat wie andere Unternehmen auch mit den Folgen der Geschäftsschließung zu kämpfen, auch wenn Werkstätten geöffnet bleiben durften. Laut einer Umfrage mehrerer Branchenverbände nutzten 59 Prozent der Unternehmen Soforthilfen. Kurzarbeit beantragten rund 40 Prozent, auf Kredite griffen deutlich weniger Betriebe zurück (18 Prozent).

Angesichts des Kundenansturms und des Runs auf Räder sind die Unternehmen zuversichtlich. Unter dem Eindruck der ersten Tage nach Öffnung der Läden erwarten zwei Drittel der Fachhändler für 2020 einen Umsatz auf Vorjahresniveau oder sogar darüber. Mehr als die Hälfte antwortete in der Umfrage auf die Frage, wann sie mit einer Normalisierung der Absatzsituation rechnen, dass dieser Zustand bereits eingetreten sei.

„Ohne von einem Gewinner der Krise reden zu wollen, muss man festhalten, dass das Fahrrad gerade einen besonderen Moment erlebt“, sagt David Eisenberger, der Sprecher des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV). Das kann auch ein großer Onlineanbieter bestätigen, der seine Fahrräder zudem in Geschäften in fünf Großstädten, unter anderem in Stuttgart und Düsseldorf, anbietet. Hans Dohrmann, Geschäftsführer von Fahrrad.de, erklärt: „Wir beobachten ganz klar eine konstante, sehr hohe Nachfrage in fast allen Kategorien unserer Shops über die vergangenen Wochen hinweg.“

Die Nachfrage sei deutlich höher als im Vorjahreszeitraum. „Neben dem guten Wetter und dem damit verbundenen, frühen Saisonstart, sehen wir einen Zusammenhang mit der Corona-Krise: Denn Rad fahren und die Bewegung an der frischen Luft war schon immer richtig und wichtig. Und das gilt in diesen Zeiten mehr denn je“, ist sich Dohrmann sicher.

Auch Michael Klikar von MK-Bikes in Karlsruhe berichtet von einer stark gestiegenen Nachfrage: „Wir machen in einer Woche den Umsatz, den wir vorher in drei Wochen hatten.“ Allerdings sei es schwieriger geworden, neue Ware zu beschaffen. Das liege an der Industrie, die ihre Produktion in der Corona-Krise gedrosselt habe, und an zu geringen Kapazitäten der Speditionen. Die Lieferzeiten hätten sich verlängert. „Viele Kunden nehmen das, was auf Lager steht“, sagt Klikar.

Auch bei fahrrad.de kam es zu Verzögerungen. „Das liegt schlichtweg daran, dass an manchen Tagen deutlich mehr Bestellungen reinkommen, als wir in unseren Lagern bearbeiten können“, sagt Dohrmann. „Lange hatten auch unsere Versandpartner mit dem Andrang zu kämpfen und waren überlastet.“ Inzwischen habe sich die Lage entspannt.

Nach Einschätzung von Eisenberger hat die Krise Fahrradläden auch Kunden beschert, die auf einen Urlaub in der Ferne verzichten und Ziele in der Heimat ansteuern. Er sieht die Fahrradwirtschaft, in der bundesweit 280 000 Menschen arbeiten, im Aufwind.

Bereits 2019 war laut ZIV ein starkes Jahr. Erstmals sei die 1-Millionen-Marke bei E-Bikes erreicht worden. Mit den elektrisch unterstützenden Rädern wurde ein Umsatz von gut 4,2 Mrd. EUR erzielt, 34 Prozent mehr als 2018. Auch für Gudrun Zühlke vom ADRC ist der derzeitige Boom ein Zeichen für einen langfristigen Trend zum Zweirad. (mit dpa)
© Südwest Presse 26.05.2020 07:45
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