Was Isolation mit uns macht

Corona zwingt im Alltag zu Distanz. Wie lange können Menschen auf Nähe und Berührungen verzichten?
Letztlich sind wir alle auch nur Affen. Und wie kleine Äffchen beruhigen sich Säuglinge und Kleinkinder oft erst, wenn sie die Nähe der Mutter spüren. Erwachsene Menschen verstehen die Sprache der Berührung ebenso gut – die Haut ist immerhin das größte Sinnesorgan des Menschen. Nur: Inmitten der Corona-Krise hält man sich gerade von geliebten Menschen fern, besonders in Alten- und Pflegeheimen vermissen die Menschen ihre Familie, deren Nähe und Berührungen. Was macht das mit uns allen?

Jemanden zu berühren – das ist Teil der menschlichen Kommunikation von Gefühlen. „Es gibt emotionspsychologische Experimente, die gezeigt haben, dass Menschen Gefühle wie Liebe, Dankbarkeit, Sympathie, Ärger, Angst, Ekel erkennen können nur anhand der Berührung durch eine andere Person“, sagt der Entwicklungspsychologe Simon Forstmeier von der Universität Siegen. Das Bedürfnis nach tröstenden oder zärtlichen Berührungen bleibe bis ins hohe Alter bestehen. Und es gebe sogar Forschung, die zeige, dass Berührungen mit dem Altern als immer angenehmer wahrgenommen werden.

Werden wir also krank, wenn Berührungen über längere Zeit ausbleiben? Klar sei: Mittels Berührungen entwickelten Menschen Vertrauen, fühlten sich wohler, erklärt Jürgen Margraf, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. „Aber man darf es nicht verabsolutieren.“ Denn Menschen könnten in die Zukunft sehen und erkennen: es kommen auch wieder andere Zeiten. Wer das wisse, könne die berührungslose Zeit durchstehen – über Monate, schätzt er. Es hänge davon ab, ob wir den Stress als kontrollierbar empfinden.

„Wenn man isoliert und weggesperrt wird, ohne den Grund zu wissen, dann würde das Folgen haben“, erklärt der Psychologe. „Aber wir wissen, warum, und machen das freiwillig. Dann ist es bei weitem nicht so schlimm.“ Dazu komme: Gemeinsame Herausforderungen und Extremsituationen zu bestehen, steigere das Selbstwertgefühl: „Das muss auf die andere Seite der Waagschale. Wenn wir einschneidende Erfahrungen machen, kommt es ganz stark darauf an, wie wir das weiterverarbeiten – und welche Geschichte wir erzählen.“

Immerhin hätten Kinder in der Krise auf Berührungen in der Familie nicht verzichten müssen, auch ältere Paare nicht, sagt Forstmeier. „Was wegfällt, sind zum Beispiel die Berührungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern, die vielleicht nur den Einkauf vor die Tür stellen.“

Wenn Berührung eine Form sei, Zuneigung zu zeigen, gebe es das Risiko, dass dieses Bedürfnis nicht gestillt werde. Jedoch senke Berührung den Stresslevel – dank des Hormons Oxytocin, das etwa bei Berührung im Gehirn ausgeschüttet werde.

Was ist die Lösung? „Wenn Berührung als Sprache der Zuneigung wegfällt, sollten wir ganz bewusst andere Sprachen der Zuneigung anwenden. Denn die gibt es ja“, sagt Forstmeier. Der amerikanische Paarberater Gary Chapman habe den Begriff der „fünf Sprachen der Liebe“ geprägt – neben Berührungen seien das Anerkennung und Äußerungen von Dankbarkeit, das Schenken von Zeit, kleine Geschenke und Hilfsbereitschaft. Nur müsse man wissen, für welche Sprache die Menschen empfänglich seien: „Denn darin unterscheiden wir uns.“ dpa
© Südwest Presse 29.05.2020 07:45
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