Coronavirus

Cello statt Riesenorchester

Ein Musiker, ein Zuhörer – die „1:1 Concerts“ sorgen in diesen Corona-Zeiten für unvergessliche Live-Erlebnisse. Eine Begegnung im Stuttgarter Ito-Raum.
  • Elena Graf, 1. Konzertmeisterin der Staatsoper Stuttgart, spielt während des Drehs eines Trailers für Eins-zu-Eins-Konzerte der Oper Stuttgart im Terminal 1 des Flughafens Stuttgart für einen Zuhörer auf der Violine. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
  • Die Cellistin Doris Erdmann spielt Bach und Britten für nur eine Zuhörerin: „1:1 Concerts“ im Stuttgarter Ito-Raum, wo auch die Ausstellung „Standard“ von Shinroku Shimokawa zu sehen ist. Foto: ITO-Raum
Wann wird das wieder möglich sein? 120 Musiker des SWR Symphonieorchesters in der Liederhalle – und wenn im Allegretto der „Leningrader“-Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch der Dirigent Teodor Currentzis das Tempo verschärft, stehen sie plötzlich auf und spielen wie um ihr Leben. Atemraubend. Oder in der Staatsoper ein „Lohengrin“, der nicht nur romantischen Klangzauber verströmt, sondern in dem der 90-köpfige Chor von der Sehnsucht nach dem Erlöser singt, dass es einem durch Mark und Bein fährt.

Die Corona-Pandemie hat das alles zu Fall gebracht. Keine Konzerte, keine Oper. Der Shutdown in die Stille. Aber nicht wirklich: Es ist auch die Stunde der Tonkonserven, des Streamens – und fantastischer Online-Projekte. Das Boston Pops unter Keith Lockhart etwa hat die Olympia-Hymne „Summon The Heroes“ von John Williams aufgenommen: Alle 86 Musiker spielen allein zu Hause, im Wohnzimmer, der Küche, im Garten – und die Technik fügt sie perfekt synchron zum Orchester zusammen.

Das alles ist aber nichts gegen ein Live-Erlebnis. Und Klassik geht auch in Minimalbesetzung. Besser gesagt: So fängt Musik an. „1:1 Concerts“ heißt ein außergewöhnliches Konzertformat der Staatsoper Stuttgart und des SWR Symphonieorchesters: ein Musiker, ein Hörer in zwei Meter Abstand an einem ausgewählten Ort. So eine Art musikalisches Blind Date. Denn man weiß nicht, was einen erwartet.

Die Verabredung heißt beispielsweise: Mittwoch, 18.45 Uhr, Ito-Raum in Bad Cannstatt. Wer vom lärmenden Wilhelmsplatz abbiegt, findet in der König-Karl-Straße ein naturnahes Großstadt-Idyll aus der Gründerzeit. „Ito“ ist das japanische Wort für Faden, und der Künstler und Fotograf Peter Granser und seine Frau Beatrice Theil wollen in ihrem freien Projektraum das Erleben von Kunst mit dem Genuss von Tee verknüpfen. So haben sie sich jetzt auch als Gastgeber für die „1:1 Concerts“ gemeldet.

Granser empfängt das Solo-Publikum, serviert Hojicha, einen kalten gerösteten Grüntee, und erklärt die Spielregeln: bitte die Hände desinfizieren, dann in den Raum gehen und sich auf den Stuhl setzen. Eine Cellistin wartet bereits. Nicht sprechen – und auch nach dem Konzert bitte keinen Applaus. Es ist ein reines Hörabenteuer – und auch eine sehr persönliche Begegnung. Wer möchte, kann hinterher eine Nachricht an die Musikerin aufschreiben: „Was Sie mit Blicken nicht sagen konnten!“

Die weltberühmte Performancekünstlerin Marina Abramovic war die Inspiratorin: 2010 saß sie tagelang an einem Tisch im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) und fixierte Besucher, die ihr gegenüber Platz nahmen. „The Artist Is Present“: 2019 griffen die Sommerkonzerte Volkenroda diese Idee musikalisch auf – und jetzt schauen sich in Corona-Zeiten in Stuttgart Musiker und Zuhörer minutenlang tief in die Augen. Ja, man muss das aushalten können.

Im Ito-Raum, der auch bespielt wird mit den Skulpturen aus Stein und Holz des Künstlers Shinroku Shimokawa, der sowieso ein wunderbarer Ort der Meditation ist, entfaltet die Musik einen gewaltigen Nachhall – in jeder Hinsicht. Endlich beginnt die Cellistin, sie entscheidet aus dem Moment heraus und in der Konfrontation mit dem Zuhörer, was sie vorträgt. „Jeder bringt eine andere Stimmung, eine andere Energie mit“, wird Doris Erdmann später sagen.

Sie spielt vom Barock in die Moderne, so intensiv wie zart: Johann Sebastian Bach (das Prélude aus der 1. Solo-Suite), dann fast übergangslos Benjamin Britten (Canto primo, Lamento und Canto secondo aus der Suite Nr. 1). Die Cellistin, Mitglied im Staatsorchester Stuttgart, wird die Stücke und ihren Namen auf einen Zettel schreiben und dem Gast mitgeben – verbunden mit einem Spendenaufruf. Denn die „1:1-Concerts“-Akteure erhalten keine Gage. Es ist ein Akt der Solidarität: Die Spenden gehen an den Nothilfefond der Deutschen Orchester-Stiftung. Viele freischaffende Musiker stehen vor größten Existenzsorgen. Doris Erdmann ist das Privileg ihrer gesicherten Festanstellung am Staatstheater als ein „sehr großer Luxus“ bewusst, und sie möchte danken mit ihrer Kunst.

Es ist Kammermusik im ursprünglichsten Sinne. Leider ist sie nach gut zehn Minuten vorbei. Eine unvergessliche Verabredung. Und man muss sagen: Ein Prélude aus einer Cello-Suite von Bach kann es live leicht mit einer riesenhaft besetzten Orchester-Sinfonie aufnehmen. Nicht nur in Corona-Zeiten.
© Südwest Presse 29.05.2020 07:45
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